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Ersatzgefühle in der Mediation.

Wie ein Konzept der Transaktionsanalyse Mediatoren hilft, im Konflikt professionell zu navigieren.

Das Konzept der Ersatzgefühle stammt konzeptionell originär aus der Wirkungskreis der Transaktionsanalyse. Mag es damit auch konkret für die Einzel- und Teamberatung entwickelt worden sein, so ist es für die Arbeit in Konflikten und im Rahmen der Mediation besonders hilfreich.

Es berührt biografisch empfindliche Stellen der Persönlichkeit, die im sozialen Miteinander besonders heikel sind, angesprochen und bearbeitet zu werden. In Mediationen ist eine vollständige Bearbeitung ohnehin nicht möglich und nötig, bedarf aber gerade deswegen einer besonders behutsamen und sorgsamen Vorgehensweise der Vermittlungsperson. Also kurz – das Konzept der Ersatzgefühle ist ein Zusatzkonzept, das besonderer Achtsamkeit bedarf – und sich gerade deshalb für Mediatoren lohnt.

Bei aller Tradition und offizieller Selbstdarstellung, Ersatzgefühle sind das hervorragende Konzept der Transaktionsanalyse. Ich kann nur jeder Führungskraft und Vermittlungsperson empfehlen, sich mit diesem Konzept auseinanderzusetzen und seine Arbeit daraufhin zu überprüfen.

Was Ersatzgefühle sind

Von einem Ersatzgefühl spricht die TA, wenn ein Gefühl statt eines anderen wahrgenommen und/oder ausgedrückt wird. Dieser Ersetzungsprozess zumeist unbewusst und steht bzw. stand (in seinen Ursprüngen) im Einklang mit sozialen Anpassungserfordernissen.

Die Transaktionsanalyse unterscheidet also zwischen authentischen Gefühlen und Ersatzgefühlen. Authentisch sind Gefühle, die situationsangemessen und spontane Reaktionen sind. Situationsangemessen sind Gefühle, die als Reaktion auf aktuelle Ereignisse aufkommen und – biophysisch gewissermaßen – Spannung abbauen. Unter funktionalen Gesichtspunkten sind authentische Gefühle dienlich und hilfreich. Sie machen ihren Job, könnte man salopp sagen. Ersatzgefühle hingegen sind angelernte Reaktionen, gewissermaßen eine aktuelle Reaktion auf vergangene Ereignisse, in denen die Ersatzreaktion erlernt wurde. Diese Abgrenzung lässt sich praktisch nicht stets durchhalten, vermittelt aber die Idee, dass Ersatzgefühle fehlerhafte Lernergebnisse sind. Oder anders formuliert: Was früher unter den damaligen Umständen angemessen war, muss es heute nicht mehr sein.

Ersatzgefühle sind für die Gefühlswelt, was Vorurteile für die Ideenwelt sind – wahre Blockierer und Verhinderer.

Ersatzgefühle sind damit Lösungsversuche für vergangene Problemsituationen.  Sie sind die stereotypen Lösungsversuche, die dysfunktionalen, aber „bewährten“ Gefühlsreaktionen von heute. Sie verursachen genau das Unwohlsein, das im Konflikt den anderen angelastet wird. Sie sind gewissermaßen die Vorurteile der Gefühlswelten.

Aber was sind die „eigentlichen“ Funktionen von Gefühlen? Im 18. Beitrag zu den 25 Grundlagen von Mediation findest Du eine Übersicht zu den Funktionen und grundlegenden Gefühlen, die in Mediationen hilfreich sind zu wissen.

Funktionales Gefühlserleben hingegen verursacht kein dauerhaftes Unwohlsein, sondern wirken befreiend und entlastend.

Dabei verläuft die Ersetzung eines funktionalen und authentischen Gefühls mit einem Ersatzgefühl regelmäßig unbewusst und über viele Jahre eingeübt. Deshalb wird das Ersatzgefühl von der Person selbst als „echt“ erlebt. Deshalb ist die Arbeit mit dem Konzept der Ersatzgefühle besonders heikel und bedarf eines hohen Maßes an Sorgfalt und Sorgsamkeit. Andererseits gibt es hier für transformative Ansätze der Mediationsarbeit besonders viel zu gewinnen.

Zu transformatoren Ansätzen der Mediationsarbeit lesen Sie den 7. Beitrag der 25 Grundlagen von Mediation – Was Mediatoren antreibt: Vermittlung, Ausgleich, Transformation als Leitideen der Mediation.

Genau hier bewirkt aktuelle Konfliktbewältigung auch Persönlichkeitsentwicklung und genau hier wirkt Mediation transformativ. Das Konzept der Ersatzgefühle zeigt am deutlichsten und sehr konkret, weshalb TA-fundierte Mediation zum Stil der transformativen Mediation gezählt werden muss.

Wie Ersatzgefühle entstehen

Ersatzgefühle sind Ausdruck vergangener sozialer Lernprozesse. Unser Gefühls(er)leben ist weit mehr sozial und kulturell bedingt als wir oftmals annehmen. Wir lernen schon frühzeitig, welche Gefühle in unserem sozialen Umfeld, vor allem von unseren Bezugspersonen, bevorzugt, erwünscht oder auch erlaubt sind und welche abgelehnt und verboten erscheinen oder auch tatsächlich werden. Wir lernen (und nehmen manchmal auch nur irrtümlich an!), welche Gefühle existieren (dürfen) und wie wir mit diesen Gefühlen umzugehen haben.

Wir kreieren im Kontakt mit anderen unsere persönlichen Gefühlsfilter. Bei einigen sind bestimmte Gefühle nicht erlaubt zu fühlen, während bei anderen diese Gefühle lediglich nicht zum Ausdruck gebracht werden dürfen. Oder aber bestimmte Gefühle dürfen nicht mit bestimmten Verhaltensweisen ausgedrückt werden, dafür aber mit anderen.

Mechanismen des Lernens sind einerseits Ge- und Verbote („Heul‘ nicht rum!“), andererseits auch Zuschreibungen („Du bist müde!“, statt z.B. ärgerlich.), aber auch das Modell-Lernen an sich, so dass Kinder die Ersatzgefühle der Bezugspersonen „übernehmen“ oder echte Gefühle auf alle möglichen Situationen „übertragen“.

So wird verständlich, dass „Großstadt-Cowboys“ weder weinen, noch sonst Schmerzen kennen, weil sie frühzeitig gelernt haben, dass „Indianer“ auch keine Schmerzen kennen und sie schon überhaupt nicht zeigen würden. Dafür dürfen sie verwirrt und verschlossen daherkommen oder auch mal ordentlich Rabatz machen.  Entsprechend dürfen „kleine Prinzessinnen“, die (für Prinzen) süss sein sollen, nicht wütend oder ärgerlich werden: Traurigkeit oder eine depressive Verstimmung wird ihnen aber nach wie vor zugestanden. Generell lässt sich aber wohl sagen, dass derartige (alte) Stereotypen auflösen und mit der neosexuellen Revolution der letzten zwanzig Jahre durchaus neue etablieren können.

 

Welche Funktion und Wirkungsweise Ersatzgefühle haben

Ersatzgefühle haben im Ursprung den Schutz der Person zum Sinn. In einer Situation der Abhängigkeit und des Ausgeliefertseins sind Ersatzgefühle sinnvolle Anpassungen, die das soziale Überleben und Integrieren sichern.

Ersatzgefühle sind die Beiträge der Kleinen zum versöhnlichen Familienleben. Sie zahlen praktisch den Abo-Preis ohne von der Möglichkeit zum Widerruf etwas wissen.

Im Erwachsenenleben, dem viel bemühten Hier und Jetzt jedoch, ist der Schutzmechanismus aus Gewohnheit (und rationalisierter Überzeugung) immer noch aktiv, jedoch unnötigerweise, unangemessen und oftmals übertrieben. Ihre Wirkungsweise entspricht dann eher einem „selbstgewählten Gefängnis“.

Für andere wirken Ersatzgefühle dabei zuweilen wie Manipulationsversuche, zum Teil sogar mit einer erpresserischen Note. Dieses in der TA formulierte sog. Racket-Verhalten ist dann Ausdruck eigener Passivität, das andere (unbewusst) zum Handeln veranlasst.

Bei der „beleidigten Leberwurst“ wird schnell deutlich, wie machtvoll der Rückzug unter Schluchzen und mit Türknallen ist. Voller Vorwurf wird sich zurückgezogen und die verwirrt Zurückbleibenden bemühen sich rasch, die Dinge rückgängig zu machen. Bestenfalls. Generell sind die übertriebenen großen Gefühlsgesten („Das halte ich nicht länger aus“, „Schon immer wollte ich Dir mal meine Meinung sagen…!“ etc.) eher ein Indiz für Racketverhalten, bei denen die Ersatzgefühle zunächst gesammelt und dann mit einem Male ausgezahlt werden (Einlösen des vollgestopften Rabattmarken-Heftes), als dass es sich um klare, angemessene Gefühlsausdrücke handelt. Aber bei Gefühlen, so die landläufige Meinung, dürfe es ja ein wenig drunter und drüber gehen. Warum eigentlich?!

Da wir irrigerweise annehmen, dass andere unsere Gefühle machen können, schieben wir denen konsequenterweise auch die Schuld zu (z.B. „Du machst mich wütend!“; „Da muss man ja verzweifeln.“). Das Konzept der Ersatzgefühle macht z.B. in Mediationen darauf aufmerksam, dass die Akteure für ihre Gefühle und ihr Gefühlserleben selbst verantwortlich sind – bei aller sozialen und kulturellen Kontextgebundenheit. Und es stellt eine der wichtigsten Aufgaben in Mediationen dar, diese Gefühlswelten zu moderieren – denn auch sie stehen in einem Kommunikationsverhältnis, bei dem auch die gesamte „Herkunftsgeschichte“ anwesend ist. Das macht dieses Arbeitsfeld für Mediatoren zu den komplexesten Aufgabenbereichen – und zu den spannendsten obendrein.

Gleichwohl, diese Arbeit mit den vorhandenen (Ersatz-)Gefühlen ist eine Vorarbeit, um überhaupt Wesentlich werden zu können. Zumeist wird das aber „vergessen“ und die Mediation – angesichts geklärter Gefühle –  für beendet erklärt. Friede ist ja wieder eingekehrt. Zur Strategischen Mediation einführend ist dieser Beitrag vielleicht für Sie hilfreich.

 

Woran Sie Ersatzgefühle erkennen

Ersatzgefühle haben atmosphärisch den „falschen Ton“ und einen „faden Geschmack“, sie duften nicht, sondern riechen und müffeln abgestanden. Ihre Tendenz zur steten Wiederholung lässt uns aufhorchen. Zumeist erkennen wir sie hinterher und nach einer ganzen Erfahrungsreihe. Ersatzgefühle erscheinen künstlich und führen zum vagen Eindruck, selbst ausgebeutet zu werden.

Folgende Fragen sind hilfreich und können beim Spuraufnehmen helfen:

  • Bekomme ich selbst oder andere ein ungutes Gefühl angesichts des Gefühlsausdrucks? Fühle ich mich benutzt oder ausgebeutet? (Vorsicht, nicht vorschnell bejahen und überprüfen, ob nicht eigene Vorurteile und Ersatzgefühle die Fragen beantworten ;-))
  • Steht der Anlass mit dem vorgebrachten Gefühl in einem plausiblen, funktionalen Zusammenhang?Lässt sich aus dem Gefühlsausdruck der Keim einer konstruktiven Lösung ableiten? (Auf Verlust kann man zeitweise ärgerlich reagieren, funktional angemessen ist allerdings Traurigkeit…und Schmerz. Der Ärger sollte also kurzfristig abklingen, ansonsten riecht das nach einem Ersatzgefühl.)
  • Hat das Gefühl bzw. der Verhaltensausdruck eine Wiederholungstendenz?
  • Riecht der Gefühlsausdruck und die Verhaltensweise nach einer Position des Dramadreiecks?

 

Auch wertschätzende Konfrontationen werden schnell als herzlos erlebt, verletzend und arrogant.

 

Wie mit Ersatzgefühlen konstruktiv umgehen 

Es lohnt sich zu einer konstruktiven Kommunikation auch auf Gefühlsebene beizutragen. Dazu gehört es zunächst, Rackets nicht zu fördern und im Zweifel jede weitere Intervention zu unterlassen. Denn Ersatzgefühle sind ein hochkomplexes und -sensibles Thema. Ihr Ersatzcharakter wird gerade nicht gefühlt oder bewusst wahrgenommen. Auch wertschätzende Konfrontationen werden schnell als herzlos erlebt, verletzend und arrogant. Niemand gibt seine Ersatzgefühle einfach so her und ab. Schließlich wäre das ein einschneidender Verlust. Deshalb wird oft zunächst mit Ärger (ersatzweise) reagiert.

Oberste Leitlinie für den sozialen Umgang mit Ersatzgefühlen ist die Eigenbeobachtung und -klärung: Wo haben wir selbst Schwierigkeiten mit bestimmten Gefühlen und unterliegen im Fühlen und Ausdrücken unserer Gefühle Trübungen und Ersatzgefühlen.

  • Gegenüber Ersatzgefühlen ist Respekt und Anerkennung (auch in der Nichtbeachtung!) die sicherste Reaktion. Lassen Sie sich nicht beirren. Respekt für das (Anders-) Gewordensein des anderen ist bedingungslose Voraussetzung für einen konstruktiven Fortgang.
  • Wenig Beachtung für das konkrete Racketverhalten, volle Zuwendung gegenüber der Person!
  • Auf Widersprüche nicht ohne (klaren Beziehungs-)Vertrag aufmerksam machen („Unter welchen Bedingungen ist es für Sie in Ordnung, dass ich dieses Thema anspreche?“; „Darf ich Sie auf Widersprüche im Rahmen dieser Mediation aufmerksam machen?“).
  • Im Zweifel nicht oder nur in Einzelgesprächen (Shuttle-Mediation!).
  • Widersprüche vorsichtig, aber eindeutig ansprechen („Ich habe Sie vorhin traurig erlebt, nachdem Sie kurz aufbrausend waren. Wenn ich mich an Ihre Stelle sehe, würde ich wütend sein. Was hat es mit Ihrer Traurigkeit auf sich?“)
Fazit: Für Mediatoren erscheint wichtig, das Konzept der Ersatzgefühle zu kennen. Es ist nicht zwingend erforderlich und zuweilen unangebracht, ausdrücklich mit diesem Konzept zu arbeiten und Medianten auf Ersatzgefühle aufmerksam zu machen. Zu unterlassen ist auf jeden Fall eine therapeutische Intervention zur Aufarbeitung oder Klärung von auftauchenden Ersatzgefühlen. Dazu bietet eine Mediation regelmäßig nicht den Rahmen und passenden Anlass.

About the Author:

Dr. jur. Sascha Weigel, Mediator und Ausbilder (BM), Transaktionsanalytiker und Systemdesigner, Gründer und Inhaber von INKOVEMA, spezialisiert auf strategische Mediationen und hochwertige Ausbildungen in Mediation.

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