VUKARONA – Mit Vollbremsung den Wandel beschleunigen

Konfliktpotenziale in der VUKA-Welt in Zeiten der Coronavirus-Pandemie.

Einleitung

Timo K. sitzt im Januar 2020 an seinem Rechner in der Nähe von Heidelberg. Er betreibt einen unbedeutenden Online-Shop, der sich kaum rentiert. Dafür aber schaut Timo K. Nachrichten und ordert für zigtausende Euro Atemschutzmasken, die er mit seinem letzten Geld bezahlt. Einiges muss er sich von Familienmitgliedern leihen. In wenigen Tagen werden sich seine Nachbarn beschweren, weil die angekarrten LKW-Ladungen Atemschutzmasken die selige Ruhe im Dorf stören. Kurzfristig zupackende Hilfskräfte zu organisieren, ist für Timo K. kaum möglich. Er geht das riskanteste Geschäft seines Lebens ein. Nicht nur finanziell, auch moralisch. Bis zu diesem Augenblick deutete nichts darauf hin, dass sein Online-Shop in den Lokalnachrichten auch nur erwähnenswert gewesen wäre. Was dann geschieht, gleicht in vielerlei Hinsicht dem Drogenhandel, wie er später in einem Interview zum besten geben wird. Strafbarkeit ausgenommen. Innerhalb weniger Wochen darauf wird Timo K. einen Millionenumsatz in Euro mit Atemschutzmasken verzeichnen.

Zugleich schaut und hört die Welt nach Wuhan, einer chinesischen Millionenstadt, die am 23. Januar 2020 unter Quarantäne gestellt wurde. Die Wenigsten von Allen, die dorthin schauten und das Gleiche sehen konnten, wussten in dieser Zeit, dass sie in ihre eigne Zukunft schauten und nicht auf einen fernen Ort in der Welt…und der berüchtigte Sack Reis fiel in China!

Am 25. März 2020 tritt der Bürgermeister von New York Bill de Blasio vor die Mikrofone und ruft seinen Bürger*innen zu: „Die Welt, die wir kannten, ist verloren. Es werden sich Millionen Menschen in der Stadt infizieren…und wir werden einige von ihnen verlieren…“, und dann an seine amerikanischen Landsleute gewandt: „Wir sind Eure Zukunft.“

Mit der Zukunft ist das nämlich so eine Sache, sie ist meist schon da, nur eben an einem anderen Ort.

Zum VUKA-Konzept: „Die Welt ist vuka! Na und?!“ (Febr. 2017)

VUKARONA – Wo mit Vollbremsung der Wandel beschleunigt wird

VUKARONA ist die Welt, die zeigt, dass nichts einfach woanders passiert, sondern alles auch hier stattfindet. Nur nicht sofort, jetzt.

Wo ist VUKARONA?

In VUKARONA kann jeder via Internet sehen, was Heute dort geschieht und Morgen hier geschehen wird. Jeder kann jetzt und überall sehen, hören, lesen, was soeben entdeckt, entwickelt und erfunden wurde – und Morgen bestellt, eingeführt und genutzt werden kann. Und auch Dinge, Phänomene und Ereignisse, die nicht bestellt, gewollt und erwünscht sind, finden in VUKARONA Ihren Weg überall hin, schneller als anderswo. Oder anders: Keiner braucht die Vorstellung zu hegen, die Kontrolle zu haben oder sie bei anderen vermuten zu dürfen. In der VUKA-Welt hat keiner die Kontrolle allein, weiß niemand alles oder auch nur, wie die Dinge funktionieren. Denn nicht nur die Welt ist vuka, auch die Zeit scheint es zu sein.

Kapitalistisches Herumwirtschaften in VUKARONA?

Und wenn nun manche meinen, wir sind jetzt infolge des Coronavirus und seiner pandemischen Auswirkungen ausgebremst und im Stillstand gefangen (Foto-Sammlung in der NYT), so dass wir endlich zur Ruhe kommen könnten etc., der hat sich womöglich getäuscht. Das Virus ist keine Bremse, ist kein Halt, sondern ein Schikane, die mit Volldampf angefahren wird und uns alle nötigt, bestmöglich und gemeinsam wieder herauszukommen.

Diese Krise, verursacht durch ein Virus, ist nirgends besser vorstellbar zu begegnen als in einer kapitalistisch-organisierten, demokratisch-rechtsstaatlichen Welt: Es werden sofort Mittel beschafft, von allen, nicht nur den Behörden zusammengetragen und bereitgestellt, die die Menschen und Gesellschaften unterstützen. Ja, und diese Geldmittel werden wir erst gemeinsam in der Zukunft erwirtschaften (Kreditwesen!). Weil wir fest daran glauben, dass die Zukunft besser sein wird als die Gegenwart. So stellen bspw. die US ca. 2000 Mrd. $, Europa 750 Mrd. €  sowie Deutschland ca. 500 Mrd. €. Zudem werden enorme Investitionen an den Börsen eingesammelt, um die Medikamente zu entwickeln und massenhaft herzustellen und damit eine heilende Medizin zu ermöglichen. Wer das als Profitgier mit dem Leid anderer verachtet, begrenzt seine Perspektive auf die vielfältige kapitalistische Realität.

Wir können erleben, wie nicht nur das „Kalte Herz des Kapitalismus“ (Plumpe) pumpt, um unser Überleben in Wohlstand zu sichern, sondern auch unsere rechtsstaatlich-demokratische Gesellschaft höchst sozial agiert und Vorsorge trifft – nicht nur für die Alten und Vorerkrankten, sondern auch für Kleinste, Kleine und Große Wirtschaftsakteure. Selbst die USA scheinen im Angesicht dieses Virus‘ quasi-sozialistisch zu mutieren. Wer hätte zu Weihnachten 2019 die Wette gewagt, dass Donald Trump Lohnfortzahlung im Krankheitsfall einführt?!

Wenn das nicht herzerwärmend vuka ist, was dann?!

Man will sich in dieser Krise die märktebasierende Gesellschaft nicht ohne den regulierenden Staat vorstellen,

aber allein dem Staat will man die Krise auch nicht überlassen.

Kaum herzerwärmend jedenfalls ist die Idee, die auch hierher gehört, dass die Alten für die Wirtschaft sterben sollten. Sie kommt von einem alten, krankenversichert Privilegierten, dem dennoch Mut, Entschlossenheit und geistige Klarheit nicht sofort abzusprechen sind. Genau das ist vuka. Diese nicht einfach gefaltete Vielfalt in Gleichzeitigkeit.

Das wirtschaftliche Rennen ist keins, sondern gleicht einem bunten Treiben, das in seiner Undurchdringlichkeit dennoch Fortschritt mit sich bringt. Zugegeben, nicht immer und für Alle, aber oftmals für den ganz überwiegenden Großteil. Doch das erkennt in VUKARONA nur, wer historisch und global denkt, wer die historischen Fortschritte in den vielen Teilen der Welt zu würdigen (1. Video) und sie als Ansporn für die weiteren Aufgaben zu nutzen weiß (2. Video).

VUKARONA ist eben diese Konsequenz eines globalen Fortschritts- und Verbesserungsprozesses, den es erstmal in den Blick zu bekommen und in die inneren Akzeptanzräume zu nehmen gilt – um so dann festzustellen: Na bitte, es geht doch! Die Richtung stimmt…

Jetzt ist VUKARONA!

Für den Moment jedenfalls steht die Weltgesellschaft vor einer enormen Herausforderung: Der Coronavirus reist durch die sozialen Netzwerke der Welt – und zeigt ihr, wie vukaesk Menschen und Gesellschaften miteinander agieren und verwoben sind. Es ist nicht die Zeit, fundamentalkritisch Nebenkriegsschauplätze zu besetzen und alte Schuldige endlich zu überführen, wo viele danach gieren, endlich Schuldige genannt zu bekommen, wenn sie schon nicht selbst ausgemacht werden dürfen.

Für den Moment lässt sich feststellen, dass die Staaten und Gesellschaften der Welt koordiniert, großteils respektvoll, in jedem Falle entschlossen auf das Coronavirus reagieren und dass die gesellschaftlichen Abwehrkräfte gegen einen neuartigen Feind aktiviert sind…aber…das klingt für unsere kleine Reise durch VUKARONA schon wieder viel zu sicher, viel zu eindeutig, viel zu klar.

Mit Gewissheiten lässt sich VUKARONA kaum erschließen, es braucht schon die Bereitschaft, die Reise ohne Landkarte anzutreten.

Ursprünglich war VUKA die Antwort des US-Army-War-College auf die geänderte politische Großwetterlage, um seinen Absolvent*innen für Leadership und Strategie die neuen militärischen Problemstellungen zu verdeutlichen, die mit dem Ende des Kommunismus Anfang der 1990er Jahre aufgekommen waren. Die Ausgangsidee war, das mit dem Untergang der UDSSR auch die globale Spaltung in kommunistische Ostblockstaaten einerseits und den liberalen Staaten des Westens andererseits beendet sei. Von nun an war unklar, wo und wer der Feind war – und damit fehlt nicht nur Soldaten, sondern dem Tag insgesamt die Struktur.

Von nun an war die Welt vuka. Volatil. Ungewiss und unsicher. Komplex. Ambig und ambivalent.

Mit dem im Jahre 2019 auftauchenden, zum Jahreswechsel anlaufnehmenden und sich explosionsartig ausbreitenden Coronavirus SARS-CoV-2, das die Krankheit Covid-19 (für corona virus disease 2019) beim Menschen auslöst und zur weltweiten Coronavirus-Pandemie führte, entfaltet sich das Beschreibungskonzept der VUKA-Welt in einer neuen Form: Nun wird für alle sichtbar, dass die Welt zusammengewachsen und eins ist, auf jeden Fall aber nicht einheitlich, eindimensional, einig, sondern sich erst die ganze Vielschichtigkeit und Undurchsichtigkeit zeigt, soweit wir sie digital-medial überhaupt in ihrer Realität direkt wahrnehmen und kognitiv durchdringen können.

VUKA in Zeiten des Coronavirus

1. Volatilität – Die Schwankungsweiten der Welt.

Volatilität bezieht sich auf die Schwankungsweiten und -intervalle von Veränderungen. Die Welt, die Wirtschaft und das Wetter, aber auch die die Preise, die Börse und das Böse, wobei das Gute nicht vergessen werden darf und das Regulatorische im Staat, in der Familie und in der Firma auch genannt werden wollen – alles ist volatil, kommt höchst schwankend daher und gilt kaum mehr auf Lebenszeit.

Das Leben ist für die Meisten unter uns kein langer, ruhiger Fluss – und war es wohl nie. Doch heute gilt für jeden, ob Arbeiterin oder Aktivistin, Landwirt oder LKW-Fahrer, Professor oder Profi-Fussballer, Office-Managerin oder Opern-Sängerin, der Wandel ist die Konstante unserer postmodernen Zeit.

Alles ist veränderlich, fragil, instabil, zuweilen erfreulicherweise flexibel, aber jederzeit fragwürdig und zweifelhaft. Die Relationen haben zugenommen und mit ihnen die Relativität der Erscheinungen und Begegnungen, die Mobilität, Sesshaftigkeit, die Dinge und virtuellen Realitäten. Grundstürzende Erfindungen und Entwicklungen beeinflussen in viel kürzerer Zeit viel mehr, auch prozentual mehr Menschen auf Erden.

Die Erfindung der Null in Indien vor ca. 1500 Jahren brauchte ihre Zeit, um von allen Menschen genutzt zu werden, in Europa geschah das erst ca. 700 Jahre später durch den Mathematiker Fibonaci. Und das Holländische Fernrohr, das Galilei um 1600 weit blicken ließ, fand kaum seinen Weg in die Lebensräume seiner Zeitgenossen. Selbst die Eisenbahn, die das Antlitz der Welt wie kaum eine Erfindung vorher veränderte, wurde nur von einem Bruchteil der Leute in den ersten Jahrzehnten genutzt.

Eine andere Kenngröße  für den Wandel individuellen und gesellschaftlichen Lebens ist die Kontaktanzahl von Daten und Menschen: Noch nie strömten so viele Daten und Menschen auf Menschen ein und zwangen sie zu fühlenden, denkenden und handelnden Reaktionen. Wir können eben nicht nicht reagieren. Allein deshalb nimmt sich das Leben zu Beginn des 21. Jahrhunderts (7 Mrd. Menschen) anders aus als das Leben zu Beginn des 20. (2 Mrd. Menschen) oder gar des 19. Jahrhunderts (1. Mrd. Menschen). Der italienische Philosoph Luciano Floridi spricht hier deshalb und angesichts der Fortschritte der Informations- und Kommunikationstechnologien auch vom Zeitalter der Infosphäre.

Und nun, im März 2020, das!

Eine ernsthafte Pandemie, ein Virus wandert durch die gesamte Welt. Zweifel gibt’s daran natürlich auch. Vuka eben.

Shutdown in Deutschland und im Großteil der Welt – so halbwegs. Die andere Hälfte wird folgen.

Sozialer Stillstand. Wohl kaum, eher im Gegenteil.

Sozialer Abstand als Ausdruck zwischenmenschlicher Solidarität – nicht mehr nur beim Autofahren!

Biologische Fürsorge durch Enkelentzug! Wow!

Volkswirtschaftlicher Stillstand. Angebotsschock und Nachfrageschock zugleich.

Das gleicht in vielen Teilen einem Krieg – und ist genau das Gegenteil!

Nach all den wachstumsgerichteten, globalen Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre (Container-Kosten-Transportrevolution, DigitaleDaten-Transportrevolution,  Flugreisen-Transportrevolution etc.) – drückt ein Virus auf das, was viele Beobachter als Pausentaste identifiziert haben, weil der gewohnte Transport von Menschen und Dingen sogleich gestoppt wurde. Doch der Datenaustausch geht weiter. Die Daten fließen umso intensiver. Denn unsozial sind wir keineswegs.

Konfliktpotenziale von Volatilitätsphänomenen

Volatilitätsphänomene im Angesicht des Coronavirus sind vielfältig und überall anzutreffen. Im Folgenden sind einige Konfliktpotenziale aufgelistet und jeweils knapp erläutert.

In Krisen rücken die Staaten in den Fokus der Beobachtung. Ob sie nun bereits totgesagt wurden oder deren Übermacht befürchtet wird (ambivalente Diagnosen!), so lässt sich im Angesicht des Coronavirus‘ feststellen, dass sie großteils angemessen reagierten, in kürzester Zeit gesamtgesellschaftliche Veränderungen ermöglichten, begründeten, anordneten und anführten, so dass der ganz überwiegende Bevölkerungsteil folgte. Und auch wenn die altehrwürdigen Nationalgrenzen in Europa reflexhaft „reaktiviert“ wurden, so waren sie doch nirgends und zu keinem Zeitpunkt „dicht“. Die Unterschiede zu den dichten Grenzen des vergangenen Jahrhunderts sind mit gutem Willen offensichtlich. Zuweilen waren die Grenzen verstopft vom LKW-Verkehr, mehr aber nicht.

Also – dem Wiedererstarkten der Nationalidee braucht noch kein Loblied gesungen werden. Und für etwaige Ängste fehlt die Realität, aber bekanntlich scheren die sich um jene am wenigsten.

Lesenswerter Artikel von  Jan Zielonka, Politikprofessor

Die EU schaut in den Abgrund in dieser Krise, U. von der Leyen

Was könnte die höchst volatile Lernerfahrung aus der Coronakrise für die Welt insgesamt sein, was für digitale Konsumgüter (Apps) schon längst geübte Praxis ist. Wenn auf dieser vernetzten und verbundenen Welt irgendwo ein Virus ausbricht, dann ist jeder einzelne Weltbürger in Gefahr – und sofortige Hilfe ist von überall auf der Welt angezeigt. Raushalten ist nicht mehr.

Der israelische Historiker und Bestsellerautor Y.N. Harari hat das klar für die staatlichen Gesellschaften benannt: What does this history teach us for the current Coronavirus epidemic? 

  • First, it implies that you cannot protect yourself by permanently closing your borders. Remember that epidemics spread rapidly even in the Middle Ages, long before the age of globalization. So even if you reduce your global connections to the level of England in 1348 – that still would not be enough. To really protect yourself through isolation, going medieval won’t do. You would have to go full Stone Age. Can you do that?
  • Secondly, history indicates that real protection comes from the sharing of reliable scientific information, and from global solidarity. When one country is struck by an epidemic, it should be willing to honestly share information about the outbreak without fear of economic catastrophe – while other countries should be able to trust that information, and should be willing to extend a helping hand rather than ostracize the victim…
  • Perhaps the most important thing people should realize about such epidemics, is that the spread of the epidemic in any country endangers the entire human species.

Es ist fast zynisch, angesichts der Entwicklungen von einer Entschleunigung zu sprechen. Einen derartig umfassenden Nachfrage- und Angebotsschock hat es noch nicht und nirgends gegeben. Selbst in zwischenstaatlichen Kriegszeiten war ein abruptes Stoppen der Nachfrage nach Dienstleistungen im Veranstaltungssektor und  Gastronomiebereich, in nahezu allen Branchen, die mit der Zusammenkunft von mehr als 5 Leuten zu rechnen haben, so noch nicht vorgekommen. Das Hotel- und Reisewesen, die weltweite Tourismus- und Flugverkehrsbranche, das Trainings- und Fortbildungswesen – von jetzt auf gleich auf Null gesetzt. Damit sind viele Neben- und Aushilfsjobs für Kulturschaffende und Künstler*innen weggebrochen, für Student*innen und Schüler…ach ja, deren Hauptbeschäftigung ist auch geschlossen worden, Universitäten, Fachhochschulen und Schulen. Zudem kommt aber, dass auch die Angebotsseite eingefroren wurde. Produzierende Betriebe, Autozulieferer und Chemiefirmen, Maschinenbaufirmen und Ingenieurs- und Architektenbüros, Anwaltskanzleien und Marketingbuden, nahezu alle Einrichtungen, in denen sich selbst eine kleine Anzahl von Menschen nicht aus dem Weg gehen können, sind geschlossen und produzieren – Nichts. Angebotsstopp. Total Freeze! Total Votality.

Das Konfliktpotenzial ist dabei nicht allein in gesellschaftlicher Arbeitslosigkeit zu finden, sondern auch in Verunsicherung und Ungewissheit, wozu sogleich mehr zu sagen sein wird. Angesichts dieser Totalität lässt sich mit Freude und Stolz sagen, dass die Menschen diese Krise äusserst gut, stabil und vernünftig durchleben. Stand heute. 26.03.2020.

Zum Produktionsstopps Automobilbranche, Lufthansa.

Zum Produktionsstopp in Krankenhäusern, die ‚rentable“ Operationen verschieben, um sich auf Covid19-Patienten vorzubereiten: Pleitewelle von Krankenhäusern.

 Dimensionen des Nachfragestopps für Klein- und Solo-Unternehmer*innen, Auftrittskünstler, Restaurants- und Kneipenbesitzer*innen

Wer bis jetzt als Kleinunternehmer*in, als Mittelständler oder Großkonzern, als öffentliche Einrichtung und Privatbürger seine Digitalisierungsstrategie und -sprojekte auf die lange Bank schob, sputet sich nun: Hätte man doch mal früher damit angefangen! Diese Digitale Transformation ernst genommen! So gilt es jetzt, wenn auch mit heißer Nadel, schnell was zusammen zu zimmern, sich abermals gehetzt, spät dran und völlig verschlafen zu fühlen, obschon man doch, glücklicherweise fast schon, viel mehr Zeit dafür erhalten hat! Was für eine ambige und ambivalente Diagnose.

Für Schulen und Universitäten geht’s jetzt ins Internet!

Weitere Berufe, die sich verändern werden.

Morgen können wir das als Digitalisierungsschub deklarieren;

heute ist es die schmerzhafte Erkenntnis, dass Lernen auch ein Pflicht- und Müssenselement hat.

In den vergangenen Jahren tobte digital ein (Informations-)Krieg, der die Staaten und Gesellschaften der europäischen und amerikanischen Welt destabilisierte, den Bürger*innen Zweifel nahelegte, die sie gegenüber ihren Regierungen hegen sollten. Diesem Krieg fiel ein enormer Anteil des Vertrauens in die staatlich organisierten Demokratien zum Opfer, dieser Krieg ermöglichte Donald Trump den Sieg in der Präsidentschaft sowie den Brexit. Und diese Informationskrieg tobt auch in und anlässlich des Coronavirus weiter. Zum Glück haben die Demokratien der Europäischen Staatengemeinschaft den Kampf angenommen.

Putins Russland nutzt sie in seiner Desinformationskampagne gegen Westeuropa

Die Gesellschaft destabilisierende Fake News in Corona-Zeiten 

Familienmitglieder leben heute oftmals getrennt. Die Eltern sind geschieden, leben getrennt und die Kinder wechseln besuchsweise. Das Coronavirus mit seinen sozialen Folgen (Soziale Distanz…siehe dazu auch Ambiguität/Ambivalenz) hat hier enorme Auswirkungen, obschon die Bundesländer klargestellt haben, dass die (begrenzten) Ausgangsbeschränkungen an sich keinen Einfluss auf die Besuchsregelungen haben sollten. Doch allein rechtliche Überlegungen sind hier nicht maßgebend für viele Elternteile.

Auswirkungen  des Coronavirus auf die Familienroutinen

2. Ungewissheit in den weiten des Wissens der Welt

Ungewissheit äußert sich nicht nur darin, dass wir ein bestimmtes Szenario nicht einschätzen können, sondern auch, dass wir überhaupt nicht über eine entsprechende Wahrscheinlichkeit nachdenken: „Zusammengenommen, Eure Majestät, war das Versagen, den Zeitpunkt, das Ausmaß und die Härte der Krise [von 2008] vorauszusehen und diese abzuwenden…in erster Linie ein Versagen der kollektiven Vorstellungskraft vieler intelligenter und gebildeter Menschen…“. Das war die Antwort von 33 Experten der Britisch Academy im Juli 2009 als sie von Queen Elizabeth II. gefragt wurden: „Warum hat niemand die Kreditkrise kommen sehen?“

Heutzutage, so die Vorstellung über die VUKA-Welt, könne niemand mehr umfängliche und sichere Angaben zu einer bestimmten Fragen machen. Das gilt selbst für Wissenschaftler und Experten bei Fragen über Ihr Fachgebiet. Zwar mögen Laien und andere Nichtexperten die Vorstellung hegen, dass Fachexperten sichere Angaben machen können oder eine Frage eindeutig beantworten können müssten. Aber so einfach ist es eben nicht mehr. Wissenschaftler*innen haben zwar Expertise in ihrem Fach angesammelt, aber es versetzt sie deshalb nicht in die Lage, auf alle Fragen Eindeutigkeit in der Sache zu deklarieren. Wissenschaft ist ja der konstruktive Austausch unterschiedlicher Erkenntnisperspektiven nach bestimmen Regeln. Das bedeutet, dass wissenschaftliche Diskussionen und Antworten stets abwägende und multidimensionale Erkenntnisse mit sich bringen, die aktuell gelten, aber im andauernden Erkenntnisfluss bleiben. Wissenschaftliche Erkenntnis hält die Welt(-Erkenntnis) nicht mehr an, sondern ermöglicht neue Erkenntnisse und weiteren Fortschritt. Und sie ist das beste Mittel, das wir haben, um der Komplexität gerecht zu werden – und mit unserer zunehmenden Ungewissheit über den Fluss und Fortgang der Dinge klarzukommen. Aktuell in der Coronavirus-Krise können wir täglich dem Virologen Prof. Drosten (FAZ+, Podcast) zuhören und erfahren, was es heißt, auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnis die richtigen Fragen zu stellen und praktikable Antworten zu finden. Das hat Vorbild-Charakter par excellence. Denn es zeigt, dass wissenschaftliche Erkenntnis nicht die letztgültigen Antworten liefert  

Doch selbst im anspruchsvollen Streit der Kenner und Experten, kann nicht ausgeschlossen werden, dass Unsicherheit die Konsequenz ist. Denn, und das ist die Paradoxie, Wissen führt zwar zu Erkenntnis, aber nicht unmittelbar zu Sicherheitsgefühlen. Ganz im Gegenteil. Erkenntnis und Wissen unterliegen vielmehr einer Ungewissheitsgewissheit. Wer die Türen der Erkenntnis aufstößt, weiß um die unerforschten Räume dahinter. Und es sind eben nicht Antworten, die Erkenntnis bringen, sondern Fragen.

Fraglos sicher ist allerdings, dass die soziale Fallhöhe heutzutage hoch ist – selbst auf den unteren sozialen Sprossen der Leiter. Und deshalb führt Ungewissheit und Unsicherheit nicht selten in soziale Konfliktpotenziale, die nicht mit wissenschaftlicher Expertise und schon gar nicht mit wissenschaftlichen Argumenten hinweg zu diskutieren sind. Vielmehr muss sich in Konflikten dieser Ungewissheitsgewissheit mit Zuwendung gestellt werden. Jeder trifft heute Entscheidungen, die auf unvollständiger, ungewisser und damit unsicherer Faktenlage basiert – und damit kann auch ein jeder sicher sein, dass er solchen Entscheidungen, die andere getroffen haben, ausgesetzt ist. Gewissheit und Sicherheit sind mehr denn je fragile Zustände, die eine angemessene Konfliktbearbeitung mit einer „erlösenden Zielstellung“ unmöglich machen. Es kommt – vor allem in Konflikten – darauf an, die Vieldeutigkeit und Widersprüchlichkeit zu verwalten, und sich  vom (Er-)Lösungskonzept zu befreien. Das erfordert auch Ambiguitätstoleranz (sogleich mehr dazu)!

Konfliktpotenziale von Ungewissheitsphänomenen

Ungewissheitsgewissheit bedeutet, dass wir in so ziemlich jeder Frage und Entscheidungssituation sicher sein könn(t)en, nicht den Überblick über alle Fakten und Einflussfaktoren zu haben sowie über alle möglichen Konsequenzen Bescheid zu wissen. Entscheidungen werden werden immer auf der Basis von prinzipieller Unsicherheit bzw. Ungewissheit getroffen. Wir wenden jedoch viel Kraft auf, diese Unsicherheit nicht zu fühlen – und „ganz sichere Entscheidungen aus voller Überzeugung“zu fällen. Aber das ist ein psychologischer Selbstschutz und sozialer Trick, um Glaubwürdigkeit zu erlangen.

So sind nicht wenige überzeugt, mit ein paar vergleichenden Rechnungen anhand von Grippe- oder Verkehrstoten die Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung als überzogen und schädigend zu disqualifizieren. Der amerikanische Präsident twitterte dazu, die Kur/Medizin dürfe nicht schädlicher sein als die Krankheit. Dabei zeigen gerade Studien in seinem Land anhand der Spanischen Grippe von 1917/1918, dass dieser Gegensatz Wirtschaft/Wohlstand Aller vs. Leben/Gesundheit Weniger nicht stimmt. Es ist die Pandemie, die die Wirtschaft schädigt und nicht deren Bekämpfung.

Es geht nicht um Wirtschaft gegen Leben, FAZ-Blog

Im Angesicht der Ungewissheitsgewissheit kommt folgendes dazu: Wir können mit Sicherheit sagen, dass jedwede Entscheidung, wie wir als Gesellschaft mit dieser schwierigen Situation umgehen, auf der Basis von Ungewissheit und Unsicherheit getroffen wird. Und den Entscheidungsprozess auf den GEGENSATZ WIRTSCHAFT/WOHLSTAND ALLER vs. GESUNDHEIT/LEBEN WENIGER (MEIST ÄLTERER) zuzuführen, verkennt die komplexen Verflechtungen. Als Gesellschaft sind wir nicht in einer Entweder-oder-Situation, sondern in einem Abwägungsprozess, bei dem sich die Gewichte auf relativ undurchsichtige Weise vermischen und miteinander verflochten sind – und stetig ändern. Gegensätze kreieren in der entscheidungsvorbereitenden Prozedur sollen zwar die Entscheidung erleichtern, wirken aber konflikteskalierend, weil es die relevanten Stakeholder (Gesellschaftsmitglieder) etikettiert und trennt, statt in Gemeinsamkeit den Preis auf viele Schultern zu verteilen und für möglichst viele Menschen die Möglichkeiten offen zu halten, im Anschluss abermals gemeinsam das Leben zu genießen und seinen – auch wirtschaftlichen – Reichtum zu mehren.

GB hat seine Strategie geändert.

Die schwedische Strategie wird sich noch bewähren müssen.

Ungewissheit und Unsicherheit führen zuweilen zu Angstgefühlen. Das ist nicht zwingend, wenn man sich verdeutlicht, dass die Zukunft prinzipiell und immer offen ist, aber irgendwie nicht automatisch zu Angst und Furcht führen. Denn Angst hat keinen direkten Bezug zur Welt, wohl aber zum Selbst. Angst ist, wie jedes Gefühl sonst auch, ein reagierendes Eigensystem des Menschen und nicht von außen einwirkend. In ungewohnten Zeiten, wie durch die Pandemie des Coronavirus aktuell aufkommen, kommt es zu gesteigerten Angstzuständen infolge von Unsicherheit und Ungewissheiten zu relevanten Fragen des Lebens.

Dabei gibt es drei wichtige Aspekte, die Hoffnung machen: Angst motiviert und führt zu Selbsterkenntnis und wir passen uns mental den neuen Umständen an, so dass sich die Ängste reduzieren werden.

 Angstforscher M. Beutel: „Angst motiviert uns.“

Psychologe Klaus Eidenschink: Ängste? Erläuterungen zu einem aktuellen Gefühl

Pandemieforscher Steve Taylor: Die Angst wird abnehmen, wenn sich die neue Situation normalisiert.

Soziale Katastrophen sind auch psychologische Erschütterungen. Um die aufkommenden Ängste und Ungewissheiten zu verarbeiten, werden wir anfällig für einfache Wahrheiten und – unsere eigenen Annahmen – bestätigende Nachrichten (confirmation bias) bis hin zu der Tendenz, dass letztlich wenige Mächtige die Fäden in Händen halten und „uns alle steuern“.

So werden angesichts des Coronavirus, das als erstes in China wütete, nicht nur Vorurteile und Ressentiments gegen Asiat*innen wachgerufen. Selbst die Anmerkung, dass Rassismus aufkommt, wirkt erschütternd und muss unterdrückt werden.

Corona-Rassismus weltweit

Rassismus in Deutschland (m.w. Links)

Kränkung des Westens, die ein Lernen von Asien verhindert?

Journalisten-Sperrung auf Twitter

Und dennoch: China ist kein Retter, sondern auch ein Performer, der diktiert.

Eine weitere eskalierende Tendenz, Ungewissheitsgewissheit zu bekämpfen, ist sich in Übermut und Fatalismus zu ergötzen, darauf aufbauende Gemeinschaften zu kreieren und die Risiken auszublenden. Das erfolgte offenbar bei den sog. Corona-Parties, die nicht nur in Deutschland, gefeiert wurden.

„Wir werden doch so oder so angesteckt!“: Corona-Parties

Und es gibt auch richtigen Bullshit – bewusste Falschinformationen, mit böser Absicht und mit destruktiven Zielen.

 EU kämpft gegen russischen Desinformationskrieg

3. Komplexität  – in einer Welt reicht nicht!

Komplexität ist die Antwort auf die Frage, was wir erkennen, wenn wir die menschliche Gesellschaft beobachten. Sie kommt aufgrund der hohen Vernetzungs- und Kommunikationsdichte der Elemente zustande. Zum Beispiel erhalten wir eine Ahnung vom Komplexitätsgrad unserer Gesellschaft daran, welche konkreten Einzelteile sich gegenwärtig in der Pandemie-Krise in unseren Aufmerksamkeitsfokus schieben und als systemrelevant herausstellen: An Wert gewinnt, wer vorher kaum Gehör oder Aufmerksamkeit erhielt. Die Pandemie-Krise lässt uns das komplexe System Gesellschaft aus neuen Perspektiven erkennen. Das führt aber keineswegs immer dazu, dass wir dessen Komplexität erfassen. Oftmals werden bei auftretenden Problemen (z.B. Vorhandensein von Atemschutzmasken) direkte Kausalitätsketten konstruiert – und „Schuldige“ ausgemacht. Das ist besonders einfach in der Rückschau – weshalb der Rückschaufehler (hindsight bias) besonders häufig anzutreffen ist.

Belgien zerstörte 2019 6 Mio FFP2-Schutzmasken ohne Nachschub einzukaufen.

Und Komplexität lässt sich auch erkennen, etwa anhand der Pflegeberufe und ihrer Entlohnung, deren finanzielle Be-Wertung nicht auf die Tätigkeit schlechthin abzielte, sondern konkret auch auf das (weibliche) Geschlecht, dem diese Tätigkeiten nach wie vor zugeschrieben werden.

Geschlechterforscherin Barbara Thiessen verdeutlicht die Diskriminierung der (medizinischen) Pflegeberufe

Zudem kommt die Digitalisierung. Sie erhöht die Komplexität der Welt, indem sie sie verdoppelt. Wir können mithilfe digitaler Instrumente und Mechanismen die Welt zwar besser sehen und beobachten und sie unserer Wahrnehmungsorgane vollständiger, aber nie vollständig „zuführen“, aber der Preis ist zugleich, dass wir unsere und ihre Komplexität zugleich erhöhen. Die Systemtheorie nennt das Komplexitätsreduzierung (der Umwelt) durch Komplexitätsaufbau (des Beobachtungs-Systems).

Dank der Digitalisierung können wir die (eine) Welt „mit Augen“ sehen, wie niemand jemals vor uns; wir generieren Daten und Informationen zur Welt, die sie uns in ungeahnter Weise zeigen, verdeutlichen und in ihrer Veränderlichkeit, Konsistenz und innerer Dichte (=Komplexität) nahebringen. Zugleich erschaffen wir damit eine digitalgestützte Welterkenntnis, deren Mechanismen kaum jemand auch nur annähernd überblickt. Das meint es, wenn von der Verdoppelung der Welt gesprochen wird.

Digitalisierung ist eine Mustererkennungsmaschine

Konfliktpotenziale von Komplexitätsphänomenen

Konflikte entstehen auch, weil die gesamte Komplexität nicht wahrgenommen wird und „das Offensichtliche“ widersprüchlich ist, was doch nicht sein könne…Der Klassiker in dieser Hinsicht ist der Streit um die Pünktlichkeit. Die Komplexität der Frage, weshalb „man sich so aufrege“, wird reduziert auf das Offensichtliche, dass doch Punkt 8 Uhr ausgemacht war…und dann muss 8.15 Uhr die Unzuverlässigkeit des Mitarbeitercharakters doch festgestellt werden dürfen. Aber die Sache liegt oftmals etwas tiefer – und häufig auch nicht einfach da.

In der Coronavirus-Krise entspinnt sich der Streit über Tage hinweg, wie es denn sein könne, dass die deutschen Infektionszahlen vom Robert-Koch-Institut stets abweichen von der von der amerikanischen Johns Hopkins Universität betriebenen und von Laura Gardner ins Leben gerufene – Webseite. Hier wird schnell geurteilt, weil doch klar sein müsse, das es nur eine richtige Zahl von Infizierten geben könne…also irgendeine oder beide Parteien einen Fehler gemacht haben müssen – oder einfach zu langsam sind.

Übersehen wird dabei, dass es eine Menge Einflussfaktoren, unterschiedliche Intentionen (beim Zählen und Entscheiden, was und wie gezählt wird) sowie bei den Zwecken für das Zählen bestehen. Es ist nicht leicht (=komplex), weshalb das RKI meint, dass die Zahl nicht maßgebend sind und keine Energie darauf verschwendet werden soll, viel wichtiger sind die Verläufe und Tendenzen…Ein Lob auf den „Folgefehler“ oder auf die Erkenntnis aus gutem Konfliktmanagement: Nicht selten, vor allem in Krisen und Konflikten, ist der Kommunikationsprozess, der Verlauf der Auseinandersetzung wichtiger und konstruktiver als die Inhalte der Kommunikation, die Fakten und Ergebnisse, die am Ende rauskommen.

ausführlich dazu FAZ+

Mammut-Artikel zur Coronavirus-Krise „Weshalb Wir jetzt agieren müssen“ + „Der Hammer und der Tanz“ von Tomas Puyeo, der umfassend und fortlaufend verdeutlicht, weshalb der Verlauf wichtig ist und nicht die Zahlenbeträge, hunderte Male geteilt und von vielen Wissenschaftlern und Experten empfohlen wurde.

Wissenschaftskommunikation rückt – nicht nur infolge des Corona-update-Podcasts von Prof. Drosten  – in den Mittelpunkt des Wissensproblems und deren öffentliche Kommunikation. Hier handelt es sich um einen zentralen Konfliktherd, der bisher stets zu Lasten der Wissenschaftskommunikation ging: Zu aufwendig, zu komplex, zu unverständlich etc. Das alte Journalistenmotto: „Sag’s, als würdest Du es Deiner Oma erzählen…“, passt einfach nicht mehr – unsere Omas sind geistig rüstiger geworden…und unsere Opas auch.

 Beatrice Lugger, Direktorin des  Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation

In Krisen und Konflikten gibt es immer die Tendenz zu Katastrophengedanken und -szenarien zu schielen, oftmals im Gewande der Vernunft und des „Daran müssen wir auch mal denken“…die Wirkungen sind dabei kaum zu unterschätzen. Niemand denkt einfach ohne Folge, auch wenn es manchmal den Anschein hat. Fakt ist, Denken hat Konsequenzen.

Und es ist eine Überlegung wert, worüber wir in Krisen und Konflikten nachdenken müssen.

Die einen denken, jetzt stünde endlich mal der Kapitalismus auf dem Spiel, während die anderen bangen, dass könnte sogar stimmen. Und ganz andere rufen eine Art Zwangspause aus, die dazu genutzt werden müsse, über das „richtige Leben“ nachzudenken, so als wären wir oder die meisten anderen zumindest bisher im falschen Leben unterwegs gewesen. Das ist nicht selten ein Ruf aus der Akademiker-Elite, die sich ins Home-Office verzieht und meint, ihre Freiheit sei durch diese Krise arg beschnitten worden. So einfach ist es nicht. Es ist komplex.

In einem vierstufigen Krisenmodell sei die Stufe 2 erreicht (26.3.3)

Konflikte und Krisen werden auch verschärft, weil die Komplexität heruntergebrochen wird bis zur „simplifizierten Einfachheit“ – bis zur mentalen Vernichtung der Komplexität. Einsteins Rat, die Dinge so einfach wie möglich zu machen, aber nicht einfacher, wurde nur bis zur ersten Hälfte befolgt.

Mit anderen Worten, die Komplexität der Umwelt (z.B. eine Krise der Gesellschaft etc.) kann nicht reduziert werden, auch wenn das viele für das Credo der Systemtheorie halten mögen. Die Komplexität der Umwelt kann aber für das System dadurch verringert werden, wenn es seine eigene Beobachtungskomplexität aufbaut. Mit einem Fernrohr seiht man besser, auch wenn die Insel noch genauso weit weg ist! Komplexitätsreduzierung erfolgt also immer(!) durch Komplexitätsaufbau.

Das ist übrigens der Grund, weshalb der Münchner Soziologe A. Nasehi in der stetigen Digitalisierung vor allem die Lösung auf das Problem sieht, die Gesellschaft überhaupt angemessen wahrnehmen zu können. Die Digitalisierung ist eine Mustererkennungsmaschinerie.

Deshalb mussten 42.000 Programmierer zum größten Hackathon überhaupt antreten, um die komplexen Probleme des Coronavirus angemessen bearbeiten zu können. Dieser Megahackathon ist von der bundesdeutschen Regierung organisiert worden.

Mit dem Aufkommen und Ausfalten der modernen Gesellschaft in Westeuropa im 19. Jahrhundert kam es auch zu einem Konfliktpotenzial, das durchaus Züge des biblischen Kampfes David vs. Goliath hat. Hier Goliath, der Mächtige, gesellschaftlich verkörpert durch die Spezialisten, Wissenschaftler und Professionelle, die Meister ihres Fachs, vor allem aber bereit zum Irrtum und zur regelgeleiteten Kritik und Korrektur sind. Und auf der anderen Seite die Davids, gesellschaftlich verkörpert durch Laien, die einen Narren an einem Thema gefressen haben, sich vertiefen, auskennen, ihre Sache lieben, wahre Liebhaber, die kaum kritisch distanziert agieren können, dennoch Auskenner.

Anekdotisch sind die Davids der Welt die Helden, die Underdogs, die heute über YouTube, Wikileaks & Co. die Wahrheit verbreiten und in die Welt tragen können, damit die Mächtigen offenbart, beschämt und begrenzt werden können. Und manchmal findet auch ein solcher Liebhaber die Wahrheit. Und das kann zuweilen eine schöne Geschichte sein.

Im Januar entdeckte ein 17jähriger NASA-Praktikant einen neuen Stern am Himmel.

Aber nicht alles, was geleakt, auf YouTube veröffentlicht und im Zeichen des Underdogs veröffentlicht ist, stimmt und folgt der kritischen Wahrheit. Wir leben heute nicht mehr in Zeiten des Nichtwissens, sondern in Zeiten der Performance, performativen Wissens, das kulturell aufgeladen daherkommt, affiziert und emotionalisiert, schlüssig erscheint, vernünftigt klingt, plausibel darstellt – und einfach falsch ist, bleibt und nicht mal rotzfrech gelogen sein worden muss.

Wenn es nicht so ernst wäre, würde hier ein Link zu YouTube auf Herr Wodarg stehen.

Ambivalent und echtes Konfliktpotenzial in der Krise hat die Frage nach dem Medikament, dem Impfstoff – und die Tatsache, dass eine Firma ihn entwickeln und vertreiben wird. In der Krise eines sozialen Systems ist es nicht selten, dass die Beteiligten in Konflikte geraten. Und zuweilen sind Konflikte in sozialen Systemen lediglich ein Ausdruck einer Systemkrise.

In der Coronavirus-Krise ist ein solches  Konfliktpotenzial schnell offenbar geworden, denn die Krise betrifft die gesamte Welt und niemand weiß, wann sie endet und wie schlimm die Auswirkungen werden.

Die USA unter Trump wollten Exklusivrechte für ein Medikament aus Deutschland sichern.

Chinesen kauften Millionen Atemschutzmasken aus Australien auf

Bereits in Digitalisierungsdebatten galt der Föderalismus als Problem, in Bildungsfragen schon lange, in Kulturangelegenheiten…ach, lassen wir das – das Coronavirus hat die Debatte neu angefacht. Aber ist es wirklich von Nachteil in VUKARONA föderal zu agieren, statt zentral?

4. Ambiguitäten und Ambivalenzen aushalten

Nur Anfänger*innen wollen in der postmodernen Welt Konflikte lösen.

Die Erfahrenen sind froh,

wenn sie die Widersprüche und Mehrdeutigkeiten der Welt

persönlich aushalten und sozial verwalten können.

Ambiguität trifft ins Mark einfacher Weltendeutung. Nix da mit eindeutiger Erkenntnis! Die Welt und ihre Erscheinungen sind mehrdeutig (ambig) und widersprüchlich (ambivalent). Deshalb sind Perspektivenwechsel so weltenverändernd. Wer auf dem Höhepunkt ist, beginnt die Talfahrt. Wo auch sonst, fragt sich jeder, der in Bergen gelebt hat – und das auch außerhalb Norwegens, wo es weniger regnet. Möglich, dass die Welt schon immer vuka war – und erst  heute bemerken wir es. Wenn auch nur das stimmt, dann stimmt die Feststellung: Die Welt ist vuka und dennoch anders als früher. Und selbst das bliebe ambig.

Widersprüchlichkeiten, Mehrdeutigkeiten, wem vertrauen?

Der schon zu Wort gekommene israelische Historiker Y.N. Harari: „Today humanity faces an acute crisis not only due to the coronavirus, but also due to the lack of trust between humans. To defeat an epidemic, people need to trust scientific experts, citizens need to trust public authorities, and countries need to trust each other. Over the last few years, irresponsible politicians have deliberately undermined trust in science, in public authorities and in international cooperation. As a result, we are now facing this crisis bereft of global leaders that can inspire, organize and finance a coordinated global response.“

  • In Deutschland vertrauen aktuell die meisten Menschen Prof. Dr. Drosten, Chef der Virologie der Charite, möglicherweise auch Prof. Kekulè, Chef der Hallenser Virologie. Aber sie haben nicht immer eine wissensgefüllte Antwort, zuweilen sind Sie ahnungslos, verweisen – zu Recht! – an die Politik und sie  widersprechen sich auch…und es fällt offenbar vielen Menschen schwer zu akzeptieren, dass die Welt nicht ein Mensch einfach überblickt und durchschaut. Wer darüber und über die VUKA-Welt enttäuscht ist, ist mental noch nicht in ihr angekommen. Ebenso wie derjenige, der das Gegenteil für selbstverständlich hält. Im Grunde gibt es kein Ankommen in der VUKA-Welt, denn sie ist einfach unfassbar – und das Geschehen um das Coronavirus macht uns das einmal mehr deutlich.
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Konfliktpotenziale von Ambivalenz-/Ambiguitätsphänomenen

Während für Einige die verordnete Zwangspause in der Firma im Home-Office endet und dort mittels Facebook- und Instagram-Posts zu verschiedenen Themen irgendwie verarbeitet wird, schlagen andere einfach öfter mal ihre Familienmitglieder, manchmal auch härter und manchmal sowohl als auch. Diese gesellschaftliche Gesundheits- und Wirtschaftskrise führt direkt in die Familienkrisen und -dramen in der Nachbarschaft. Das Ausmaß dieser höchst verstörenden Ambivalenz wird sich erst in den nächsten Monaten und Jahren zeigen. Doch es wird zeigen, dass Zeit für die Familie an sich kein Wert ist, sondern als solcher aktualisiert und etabliert werden muss.

Familiendramen in China

Zur Situation in den USA

Zur Situation in Deutschland

Die Stadt Hamburg bucht vorsorglich ein ganzes Frauenhaus

Soziale Distanz ist das Gebot der Stunde. 

Und bereits dieser Titel ist widersprüchlich zum gewünschten Inhalt. Denn nicht soziale Distanz ist das Gewünschte, sondern geografische Distanz. Soziale Nähe – und sei es auch audiovisuell oder oder telefonisch, ist erlaubt und erwünscht und erforderlich, um diese Krise durchzustehen.

Ambivalent, geradewegs paradox ist die Tatsache, dass wir „face-to-face“ für tatsächlich physische Treffen verwenden, statt für Videotelefonate, die tatsächlich ein reines „face-to-face“-Gespräch sind.

Wie auch immer, auch die tatsächliche Wirkung sozialer Distanz, namentlich ein erhöhtes Zeitmaß für und mit sich selbst, ist an sich kein Wert, sondern kann höchst unterschiedlich erlebt werden und ist in ihrer Wirkung widersprüchlich.

Allein mit sich, ist nötig und belastend zugleich.

Zur Differenz sozialer und emotionaler Isolation

Was uns stresst, wo wir aufpassen müssen, was hilft – Angesichts unserer Quarantäne

Oftmals wird Empathie als Schlüssel für gute Konfliktlösung gesehen. Denn in der Fähigkeit, mit dem anderen mitzufühlen, ließe sich schneller und besser eine Einigung finden. Das trifft weder für Konflikte noch für Krisenerscheinungen zu. Die Sache ist komplexer, als das Empathie der Schlüssel zur sozialen Glückseligkeit wäre. Vielmehr gibt es auch eine dunkle Seite der Empathie. Wie das?

Empathie mit Mitmenschen heftet sich eben immer an Mitmenschen. Es ist ein soziales Konstrukt, keine individuelle Fähigkeit. Das Maß der Empathie ist abhängig von anderen Menschen. Und auch vom Maß an anderen Menschen, sprich, deren Anzahl. Weil es schlicht unmöglich ist, mit allen Menschen emphatisch zu sein. Menschen müssen – auch in Empathiefragen – eine Auswahl treffen. Und je größer die Empathie gegenüber dem „Kreis der Eingeschlossenen“ ist, desto abfallender ist die Empathieleistung gegenüber den Ausgeschlossenen, ließe sich grob sagen. Deutlich wird das in Krisen und Konflikten. Hier werden die (unbewussten) Auswahlprozesse nicht nur sichtbar, sondern verstärken sich auch und lassen den Kreis der Empathie (Lanier) einerseits personell enger werden, andererseits  auch abgegrenzter.

Interview mit F. Breithaupt zur Dunklen Seite der Empathie angesichts der Coronavirus-Krise.

Soziale Distanz ist das Gebot der Stunde, aber wenn die sozial Distanzierten reich(er) sind, gerät auch ihr Gebaren in Verruf. Ist das nicht ambivalent?!

Flucht der Reichen.

Die ambivalenten Konsequenzen, die aufkommen, wenn man gegen ein Virus in den Krieg zieht, zeigt der italienische Philosoph Gorgio Agamben auf: Zwar mag der Kriegsmodus motivieren, Kräfte bündeln, Mut zusprechen, aber er sucht auch nach Schuldigen, Tätern, Bösen, die besiegt und zerstört werden müssen. Und die Gefahr ist groß, dass unser schuldausgerichteten Suchmodus, wird er beim Virus nicht fündig, andere sucht. Unter dem Druck der Belastungen und Entbehrungen geraten schnell die Nachbarn, die Anderen in den Fokus des Suchmodus.

Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.

Aber Achtung, auch die Prognosen sind widersprüchlich und mehrdeutig.

Was bleibt zum Schluss zu sagen?

Nun, Antworten sammelt derzeit allwöchentlich Prof. Betsch von der Universität Erfurt, die zur Gesundheitskommunikation forscht und jeweils 1000 Menschen befragt, wie es Ihnen geht in VUKARONA. Ihr Vertrauen in die behördlichen Maßnahmen steigen, die Krise wird ernst genommen, das Virus in seiner Gefährlichkeit erkannt und das gemeinsame Leben der Generationen und Geschlechter entsprechend reflektiert und neu sortiert.

Endlich frei!

Wer es pointierter braucht, um mit den Paradoxien und Widersprüchen, die aktuell ventiliert werden, umzugehen, dem sei an dieser Stelle der Kommentar von Thomas Fischer empfohlen!

Nein, nicht diesen hier, auch wenn sich die Coronavirus-Zeiten einer Lektüre anbieten….

Sondern diesen hier zur Coronakrise allgemein.