Tipps und Anregungen Mediationskompetenzen anzubieten - nicht nur für Mediatorinnen und Mediatoren

Der Forschungsbericht zum Rückgang der Klagezahlen bei deutschen Zivilgerichten (Download, Achtung, umfangreiche 400 Seiten!) hat gezeigt, dass Mediation nach wie vor selten von Konfliktparteien nachgefragt wird und – salopp ausgedrückt – „eher verkauft als gekauft“ wird. Dieser Forschungsbericht bestätigt damit die Tendenzen der 2017er-Evaluierung des Mediationsgesetzes.

Deshalb unsere Frage für 2023:

Was raten Sie vor diesem Hintergrund frisch ausgebildeten Mediator*innen, damit deren Vermittlungsfähigkeiten und konfliktberaterische Kompetenzen auch praktisch abgefordert werden, ob nun als interne oder externe Berater*innen von Organisationen und sonstigen sozialen Systemen (Vereine, Verwaltungen, Nachbarschaften, Familien etc.)?

INKOVEMA Roundup Post 2023 (#08)

1. Thomas Robrecht

Bayern

Organisationsberater, Trainer, Coach und Mediator.
Website: www.sokrateam.de

Suche viele Gelegenheiten, um mit potenziellen Kund*innen in einen persönlichen Kontakt zu kommen. Wenn von Konflikten erzählt wird, höre genau und aktiv zu, wo der Schuh drückt. Vergewissere dich und frage nach, um Empathie aufzubauen und das Vertrauen deines Gegenübers zu gewinnen.Wenn das gelungen ist, kannst du deinem Gegenüber zu verstehen geben, dass du Expert*in für die Begleitung solcher Situationen bist. Nutze den Begriff „Mediation“ erst dann, wenn du sicher bist, dass er für dein Gegenüber positiv belegt ist.Wenn dein Gegenüber sich interessiert zeigt und dich nach Lösungswegen fragt, sage nicht gleich „Mediation“, sondern weise darauf hin, dass du zuerst das Ziel verstehen musst, bevor du einen Weg aufzeigen kannst. Deshalb frage zuerst nach dem Zielzustand, den dein Gegenüber erreichen will. Lasse dir diesen Zustand genau beschrieben. Wenn dein Gegenüber merkt, dass du den Zielzustand verstanden hast, und dein Gegenüber dir vertraut, kannst du einen Vorschlag zur Überwindung der Differenz zwischen dem aktuellen IST und den zukünftigen SOLL machen. Manchmal ist es sehr sinnvoll, Methoden- oder Fachbegriffe wie Mediation, Teamentwicklung, Coaching usw. zu vermeiden, da auf diese Begriffe oft Halbwissen projiziert wird oder auch negative Erfahrungen gemacht wurden. Deshalb bezeichne das, was du tust, als „Befähigung zur Kooperation“. Und nur, wenn genau das auch gebraucht wird, biete es an. Ansonsten empfehle etwas anderes. Was auch immer du empfiehlst, achte darauf, dass es deinem Gegenüber einen Mehrwert bietet, den dein Gegenüber auch erkennen kann. Erst dann wird sich die Tür zu einem Auftrag öffnen.

2. Janett Dudda-Gehrig

Leipzig

Psychologin, Systemische Beraterin, Mediatorin
Website: www.janettdudda.de

Ich arbeite seit 2017 hauptsächlich mit Führungskräften aus der Digitalwirtschaft. Mein Mediationsfeld sind daher hauptsächlich berufliche Konflikte am Arbeitsplatz.

Nach Abschluss meiner Mediationsausbildung war ich schon überrascht, dass niemand von meinen KlientInnen nach Mediationen fragte – dabei hatte ich die Ausbildung gemacht, um die Unternehmen, deren Konflikte ich seit Beginn meiner Selbständigkeit moderiere, noch besser begleiten zu können.

Inzwischen habe ich begonnen, die GeschäftsführerInnen, mit denen ich arbeite, aktiv auf die Möglichkeit der Mediation bei Konflikten am Arbeitsplatz, mit KollegInnen oder auch als „letzten Versuch“ vor einer arbeitsrechtlichen Maßnahme hinzuweisen. Mit dem Ergebnis, dass einzelne sich sofort zurückmeldeten und Termine vereinbarten, um MitarbeiterInnen, deren Kündigung als einziger Ausweg aus einer vertrackten Situation gesehen wurde, vielleicht doch noch „retten“ zu können.

Meiner Erfahrung nach macht es sich kein Arbeitgeber leicht, einem Mitarbeiter zu kündigen, so dass Vorschläge, was noch versucht werden könnte, gern angenommen werden.

Was kaum jemand kennt, ist das Hinzuziehen einer Mediationsperson bei Konflikten, die als weniger schwierig eingeschätzt werden. Hier mache ich gute Erfahrungen, mich im ersten Schritt als Moderatorin des Konflikts anzubieten und dann je nach Sachlage (z.B. kenne ich die Parteien schon oder nicht; kann ich neutral sein, etc. ) zu entscheiden, ob eine Mediation durch mich oder KollegInnen das geeignete Mittel ist.

Die besten Kunden sind die, die man schon hat – deshalb empfehle ich hier das proaktive Zugehen auf die Bestandskundschaft.

3. Prof. Dr. Siegfried Greif

Osnabrück

Coach und Unternehmensberater
Institut für wirtschaftspsychologische Forschung und Beratung GmbH (IwFB), Osnabrück

Mediation beinhaltet häufig sehr viel anspruchsvollere Aufgaben als Coaching. Es ist immerhin nicht nur das Vertrauen einer, sondern gleich mehrerer Personen unabdingbar! Der berufliche Einstieg kann sich dort daher auch als deutlich schwieriger gestalten als beim Coaching. Mediatoren sollten sich daher als Verfahrensexperten für konstruktive Kommunikationskultur anbieten, um einen leichteren Einstieg in das Berufsfeld zu erhalten. Und wenn man am Kommunikationsverhalten in einem Umfeld ansetzt, stößt man immer auf Konflikte oder Missverständnisse. Wichtig für Erfolg ist hierbei eine hohe Sensibilität für diese Konflikte.

Prof. Dr. Greifs Einschätzungen zur Mediation können Sie in unserem Podcast „Gut durch die Zeit“ (Folge #140) vollständig anhören.

4. Imke Trainer und Rüdiger Hausmann

Köln

Mediatorin und Mediator
Website: www.rheinmediation.de

Damit die Kompetenzen von frisch ausgebildeten Mediator:innen wirklich abgefragt werden, braucht es unserer Meinung nach einen grundlegenden Perspektivwechsel in Bezug darauf, was wir verkaufen. Denn wir sind überzeugt: Kein Mensch kauft Mediation. Und gleichzeitig: Menschen bezahlen dafür, dass das Ergebnis im Konflikt mit dir besser ausfällt als ohne dich. 
Wir beobachten, dass wir Mediator:innen seit Jahren versuchen, ein Format zu verkaufen. Genau hier braucht es aus unserer Sicht Veränderung. Was uns wesentlich wirkungsvoller zu sein scheint, ist Beziehungsarbeit zu leisten. Als individueller Ratschlag formuliert: Zeige dich und liefere so oft wie möglich eine Arbeitsprobe deines Könnens. Durch Beziehungsarbeit zu den Kund:innen, von denen du gerne gebucht werden möchtest. Zeige dich, zeige deine Arbeit, dann weiß dein Kunde, wen er als Persönlichkeit einkauft.
Unser gemeinschaftlicher Ratschlag an uns Mediator:innen: Lasst uns mutiger werden, uns und unsere Arbeit zu zeigen, statt uns hinter einem abstrakten Format zu verstecken.

5. Dr. Stephan Proksch

Wien

Mediator und Unternehmensberater
Website: www.trialogis.at

Ich würde empfehlen, nicht eine Methode (z.B. Mediation) zu verkaufen, sondern eine Problemlösung. Kunden interessieren sich in erster Linie für die Lösung ihrer aktuellen Problemstellungen. Daher müssen die Angebote auch konkrete Lösungsansätze beschreiben, wie z.B. „Erbschaft ohne Streit“ und dergleichen.

Darüber hinaus rate ich, eine Nische zu suchen, die die mitgebrachten Kompetenzen ergänzt und erweitert.

Und schließlich glaube ich, es ist ratsam, sich nicht ausschließlich als Mediator*in zu positionieren, sondern als jemand, der über eine Vielzahl an unterschiedlichen Kompetenzen verfügt, wie zum Beispiel Coaching, Moderation und Mediation.

6. Angelika Wendt

Leipzig

Systemische Beraterin, Mediatorin

Die Etablierung einer erfolgreichen Mediationspraxis erfordert Zeit und Engagement. Einige Maßnahmen können jedoch die eigene Sichtbarkeit erhöhen und die Chancen auf Nachfrage verbessern:

  • Klarheit über das eigene Produkt in Wort und Schrift schaffen. Was kann Mediation leisten?
  • Baue ein starkes Netzwerk auf, indem vorhandene Kontakte im aktuellen beruflichen Umfeld ausgebaut und neue Verbindungen zu potenziellen Klienten geknüpft werden. 
  • Dabei hilft ein professioneller Online-Auftritt, einschließlich einer Website und aktiver Präsenz in sozialen Medien, um die Dienstleistung „Mediation“ zu bewerben. 
  • Die regelmäßige und kontinuierliche Weiterbildung hilft, über die neuesten Entwicklungen in der Mediation und Konfliktlösung auf dem Laufenden zu bleiben und so die eigenen Fähigkeiten und Kenntnisse zu erweitern. 
  • Von nichts kommt nichts – praktische Erfahrung müssen her. Möglicherweise können zunächst kostengünstige Mediationssitzungen angeboten werden, um praktische Erfahrung zu sammeln und die eigenen Fähigkeiten zu verfeinern. Vielleicht auch nach Gelegenheiten suchen, ehrenamtlich in der eigenen Gemeinschaft zu arbeiten, um sich einen Ruf aufzubauen. 
  • Positive Bewertungen helfen, sichtbar zu werden und zu bleiben. Zufriedene Klienten können um Empfehlungen auf Plattformen oder im eigenen Umfeld gebeten werden.

7. Tilman Metzger

Lüneburg

Mediator, Organisationsberater, Coach
Webseite: www.tilmanmetzger.de

  • Mediation ist eine Dienstleistung, die auf Vertrauen fußt. Daher kommen die meisten Mediationsaufträge durch Empfehlung zustande. Wie erhalten Sie Empfehlungen? Siehe nachfolgende Punkte!
  • Erwerben Sie tiefe Konfliktkompetenzen! Der übliche 200-Stunden-Standard der Mediationsausbildung entstand in den 90er-Jahren. Es gibt aber deutlich mehr zu lernen, wenn Sie Konflikten gerecht werden wollen. Wenn Sie bereits über eine Ausbildung in interessenorientierter Mediation verfügen, könnten sie zusätzlich Mediation nach dem Ansatz der Klärungshilfe lernen. Nichts überzeugt KundInnen mehr als gute Arbeit.
  • Entwickeln Sie ein auf Ihre Kompetenzen zugeschnittenes Profil: Bieten Sie sich in einem eng begrenzten Feld an, das Sie sich aus guten Gründen zutrauen. Konfliktparteien vertrauen SpezialistInnen.
  • Kennen Sie Ihren Unique Selling Point (Ihre Geschichte, die Sie unverwechselbar macht) und setzen Sie ihn ganz oben auf Ihre Website! Nur wer Sie erinnert, kann sie buchen oder weiterempfehlen.
  • Machen Sie sich in drei Jahren intensiver Akquise persönlich bekannt: Vorträge, kleine Trainings, Vorstellungsgespräche. Das schafft Vertrauen.

8. Dr. Katharina Ibrahim

Halle

Organisationsberaterin, Mediatorin
Website: www.katharina-ibrahim.de

Als Organisationsberaterin liegt mein Fokus auf Konflikten in Unternehmen. Den Befund der zögerlichen Nachfrage kenne ich auch. Mir hat übrigens das Konzept der Passivitätsgrade aus der Transaktionsanalyse sehr geholfen, die guten Gründe dafür besser zu verstehen. Was ist also die Konsequenz? Das sind meine drei erfahrungsbasierten Ideen:

  • Zielgruppe anpassen: Adressat für das Produkt Mediation ist die in Mitleidenschaft gezogene Organisation und deren Repräsentanten. Ihnen können und sollten wir über Passivitätsgedanken hinweghelfen. Ihre Schmerzen zu benennen und eine partnerschaftliche Begleitung anzubieten, erscheint mir dabei als erfolgversprechend.
  • Mediation „under cover“:  In Teamkontexten erleben wir häufig, dass eine Konflikt „plötzlich“ im Raum ist. Wenn der innere Rollenwechsel dann gelingt, geht Mediation auch in Kontexten, in denen sie nicht explizit benannt ist. Auftragsklärung und Mandatierung bette ich dann in den Gruppendialog ein und moderiere im Geist einer Mediation. Selbst wenn es keine komplette Auflösung des Konflikts gibt, wird diese Art des Sprechens als sehr entlastend erlebt. Das ermutigt zu Analogieschlüssen: vielleicht könnte „so was“ ja auch an anderer Stelle helfen …
  • Anfragen als Chance für Entspannung: Ab und an erreicht uns ja doch auch der direkte Ruf nach Hilfe. Meist kommt es nicht zur Mediation, weil nur eine Seite gewillt ist zu investieren.  Dennoch können wir hier im Erstgespräch unterstützen mit der Neuformulierung des Anliegens. Die klassischen lösungsorientierten Fragen relativieren Absolutes und helfen, einen realistischen und positiv konnotierten Zustand von „Besser“ zu formulieren. So entsteht die Chance, die Eskalation durch veränderte Sichtweise und Verhalten einer Konfliktpartei zu reduzieren. Zugegeben: in diesem Setting kommt die Mediatorin nur bedingt  dazu, ihre Kompetenz unter Beweis zu stellen. Doch immerhin: die gute Tat zählt.

9. Prof. Dr. Sascha Weigel

Leipzig

Konfliktberater und Mediator

  • Ausgangspunkt für das Nachdenken über das Produkt Mediation sind die justizpolitischen und privatwirtschaftlichen Erfahrungen mit Mediation: Diese Erfahrungen sind angesichts der Erwartungen und Hoffnungen von einst schlicht enttäuschend.
  • Nüchtern betrachtet, ist das zu Produkt bestenfalls als „schwierig“ einzustufen:  Denn Mediation ist eine kontraintuitive Reaktion im Konflikt! 
  • Mediationen werden nicht an Konfliktparteien verkauft, sondern an Kontakte, die sich im Konflikt an Sie rechtzeitig erinnern! Denn ihr Kunde ist nicht die Partei, die sich im Konflikt befindet, sondern die Partei, die sich mit anderen engagiert (hatte), sei es in einer Ehe oder in einem Arbeitsvertrag, in einem Projekt, in einer erbenden oder nachbarschaftlichen Schicksalsgemeinschaft, in einem Netzwerk, meinetwegen auch in einem Verein.
  • Sorgen Sie deshalb rechtzeitig für Sichtbarkeit ihrer Beratungs-, Begleitungs und Beistandskompetenzen! Ihre digitalen und sozialen Netzwerke sollten diese Ihre drei Kompetenz-Bs hervortreten lassen.
  • Verschaffen Sie sich Klarheit über den Kern Ihrer Mediationsleistung: eine geradewegs fachberaterische Beratungs- und Durchführungsleistung, wie mit der Konfliktsituation schrittweise umzugehen ist. Sie bieten eben nicht nur Moderation im Gesprächsprozess; Sie sind auch nicht die Sprachpolizei, die auf die Gesprächsregeln achtet. Sie bieten auch nicht nur einfach einen Gesprächsraum, in dem die Parteien eigenverantwortlich agieren können. Dafür benötigen die Konflikt Sie nicht! Eigenverantwortlich haben sie sich und ihren Konflikt schon eskalierend erlebt!
  • Und vergleichen Sie ihr eigenes Mediationsprodukt keinesfalls mit den schlimmsten Auswüchsen einer gerichtlichen Konfliktbearbeitung. Das bringt erfahrungsgemäß nichts und schadet Ihrer Glaubwürdigkeit enorm.
  • Vergegenwärtigen Sie sich, was Sie den Konfliktparteien zumuten, wenn sie diese zur Mediation raten: Sie fordern ein enormes emotionales und kontraintuitives Investment, dessen Gegenwert in den Sternen steht und maßgebend auch von demjenigen abhängt, dem gerade nicht vertraut wird!
  • Setzen Sie auf die Zukunft! Deren Offenheit lässt Raum für Visionen, Wünsche, Kreationen; sie ist prinzipiell grenzenlos, gestaltbar und greifbar. Aber es braucht diesen unternehmerischen Mut, diese vage Chance anzupacken, um das Unwahrscheinliche doch noch zu erreichen! Das ist lohnenswert – auch für Mediatoren!