Roundup-Post: In welchem Feld der Mediation arbeiten Sie – und was ist das Besondere daran?

Roundup-Post INKOVEMA #3 (2018)

Erneut haben wir Mediatoren, Rechtsanwältinnen und Konfliktberater nach Ihren professionellen Erfahrungen gefragt – und höchst interessante Antworten erhalten.

Diesmal haben wir die Expert*innen dazu befragt,…

  • in welchem Anwendungsfeld Sie Mediation durchführen und
  • was Sie daran besonders reizt.

Wir sind von den Antworten derart begeistert, dass wir uns entschlossen haben, die Antworten nicht (oder kaum) zu kürzen und Sie Ihnen vollständig zur Verfügung zu stellen. Viel Freude beim Lesen!

Insgesamt wird deutlich, dass Mediation nicht nur in komplexen Umwelten agiert, sondern sich selbst zu einem höchst ausdifferenzierten, komplexen Verfahren gemausert hat. Aber lesen Sie selbst…

1. Dr. med. Heinz Pilartz,

Alfter

Mediation im Gesundheitswesen

Facharzt für Allgemeinmedizin, Naturheilkunde, Sportmedizin;
Zertifizierter Mediator und Mediator CfM

Website: www.forum-m-pilartz.de
www.imug.eu


1. Mein Schwerpunkt ist Mediation, wenn die Gesundheit verloren geht!

Gesundheit ist etwas sehr Privates. Jeder entscheidet selbst darüber, was kommuniziert wird und wie das Verhalten angepasst wird. Gleichzeitig sind Gesundheitsveränderungen ein Thema im sozialen Umfeld, das viele betrifft. Unterschiedliche, zum Teil sehr tief gehende Emotionen, Veränderungen im Rollengefüge, unerwartete Nicht- oder Mißverständnisse sind mögliche Ergebnisse. Eingespielte Muster und Verläßlichkeiten verlieren ihre Bedeutung.

Viele sehr unterschiedliche Einzelthemen sind nicht bewußt. Es wird auch noch nicht wahrgenommen, dass Unterstützung und Begleitung sinnvoll sein kann: Die Geschwister sind sich nicht einig, wie mit der dementen Mutter umgegangen werden soll, nur einvernehmlich können sie wirksam helfen. Oder das Paar hat divergierende Vorstellungen von der Behandlung der Tumorkrankheit. Oder es wird der offenen Austausch beendet, um den jeweils anderen zu schonen. Oder die Erwartungen des Arbeitsteams an den erkrankten Kollegen sind so hoch, dass dieser nach Genesung direkt wieder erkrankt. Neue Tabus, Unsicherheit, Unverständnis oder Sprachlosigkeit sind häufige Folgen. Da gibt es viel Bedarf für Mediation.

2. Was reizt mich daran, gerade in diesem Feld tätig zu sein?

Mediation und Gesundheit ist ein Feld, in dem eine hohe Komplexität herrscht. Vielfach fehlt  Erfahrung der Beteiligten im Umgang mit  Einschränkungen, mit dem Verhalten im  Gesundheitssystems oder dem trennenden Effekt von Krankheit zwischen Menschen (die Gruppe teilt sich in krank und gesund). Dann empfinden Menschen ihr Verhalten rund um das Krankheitsgeschehen als selbstverständlich oder natürlich, weil sie nie auf die Idee gekommen sind, dass es sehr unterschiedliche Verständnisse oder Ideen im Umgang mit Krankheit gibt (Krankheitskonzepte) . All das führt zu Missverständnissen, Verunsicherung und  schnell kommt es auch zu Eskalation. Krankheit wirkt neben allen Einschränkungen eindeutig konfliktauslösend.

Entsprechend erlebe ich in diesem Mediationsfeld viel Dankbarkeit dafür, dass sich überhaupt jemand damit beschäftigt. Die Mediationen sind in der Regel recht kurz, nicht selten zeigen sich bereits beim ersten Zusammentreffen fassbare Ergebnisse. Das Thema ist für alle Beteiligten durch starke Emotionen belegt (Angst, Trauer, Scham) und beeinflusst das Miteinander sehr stark. Kaum eine Hilfe sorgt für Augenhöhe zwischen Betroffenen und Umgebung! Der Mediator schafft überaus häufig Frieden und Handlungsfähigkeit.

Ich erlebe viel Befriedigung und Motivation durch diese Tätigkeit und werde weiter an Standards, Tipps und praktischen Hinweisen für Kollegen arbeiten (siehe auch Konfliktdynamik 4/2018).

2. Klaus-Olaf Zehle,

Hamburg

Mediation im IT-Bereich

Diplom-Wirtschaftsingenieur,
Zertifizierter Mediator,
Schlichter für Streitigkeiten im IT-Bereich

Website: www.klausolafzehle.de

1. Was ist das Besondere in ihrem Mediationsfeld?

Ich arbeite intensiv in zwei Feldern. Zum einen die Mediation von Gesellschafterkonflikten sowohl bei etablierten Unternehmen oft mit Familienbezug, das heißt in Familienunternehmen als auch bei StartUps. Zum anderen in Teamkonflikten bzw. Konflikten zwischen Führungskräften bzw. Führungskraft und Mitarbeiter.

Was ist nun das Besondere?

Bei Familienunternehmen bzw. Konflikten mit Familienbezug in der Regel ein sehr hoher Anteil von Einflüssen, die außerhalb des offensichtlichen Konfliktfeldes liegen, oft sind ja schon Generationen vorher an der Konfliktursache mitbeteiligt. Da steckt viel Emotionalität drin. Bei Gesellschafterkonflikten im StartUp Umfeld ist es die meist schon sehr hohe Eskalationsstufe, in der die Beteiligten zu mir kommen. Und manchesmal geht es gar nicht mehr darum, den eigentlichen Konflikt zu lösen sondern vielmehr darum eine vernünftige und nachhaltige Trennung der Gesellschafter zu begleiten. Es geht dann nicht mehr darum, wie man zusammenarbeitet, sondern darum, wie sichergestellt werden kann, dass das gemeinsame „Baby“ auch nach der Trennung noch ein überlebensfähiger Organismus ist und auf der anderen Seite der scheidende Gesellschafter ohne Groll und Gesichtsverlust das Unternehmen verlassen kann.

Ganz anders, die Konflikte innerhalb der Mitarbeiter. Hier gilt es immer wieder, die Gemeinsamkeiten herauszuarbeiten bzw. zu erforschen, was die Randbedingungen sind, um gemeinsam erfolgreich zu sein. In der Regel ist von allen Seiten der Wille vorhanden etwas neues zu schaffen. In diesem Feld ist es vor allem das nachträgliche Verstehen, warum konfliktverursachende Aussagen oder Handlungen von den einzelnen Beteiligten ausgegangen sind. Und oft ist es dann so einfach, wieder eine Basis zu finden, dass die Beteiligten selber staunen, wie es zum Konflikt gekommen ist.

2. Was reizt Sie daran, ausgerechnet in diesem Feld zu agieren?

Mich reizt unabhängig vom Konfliktfeld immer wieder etwas neues kennenzulernen und die Unterschiedlichkeit.  Ich zitiere da immer wieder gerne Gregory Bateson „Es ist der Unterschied, der den Unterschied macht. Und ich habe immer, wenn ich später nach dem weiteren Gang nach der Mediation frage, erlebt, dass die Lösung des Konfliktes die beteiligten weiter gebracht hat, oft wird mir sogar bestätigt, dass der Konflikt der notwendige Auslöser für die Weiterentwicklung war. Ganz besonders schätze ich im Umfeld der Mediationen, die ich durchgeführt habe, dass sich sehr oft Anschlußthemen ergeben, die mein Spektrum ständig erweitern, z.B. Strategie oder Organisationsentwicklungen.

3. Dr. Jürgen von Oertzen,

Karlsruhe

Mediation am Arbeitsplatz

Promovierter Politikwissenschaftler,
Zertifizierter Mediator,
M.A. Mediation

Website: https://www.einigungshilfe.de/herzlich-willkommen/

1. Was ist das Besondere in ihrem Mediationsfeld?

  1. Bei Konfliktlösungen am Arbeitsplatz ist, zusätzlich zu den üblichen Dimensionen einer Mediation, das hierarchische Umfeld zu bedenken. Speziell der Einbezug der unmittelbaren Führungskraft ist entscheidend für eine nachhaltige Lösung – nicht, weil sie „schuld“ ist, sondern weil sie der Schlüssel zur strukturellen Veränderung ist.

    Der zweite wichtige Aspekt, und auch er entscheidend für die Nachhaltigkeit, ist der Übergang von der Bearbeitung des konkreten Konflikts zur Team- und Organisationsentwicklung: Aus vielen konkreten Konflikten lassen sich wertvolle Hinweise für die Entwicklung des Teams und/oder des ganzen Unternehmens ableiten.

2. Was reizt Sie daran, ausgerechnet in diesem Feld zu agieren?

  1. Der Reiz einer Konfliktbearbeitung hängt für mich weniger vom jeweiligen Einsatzfeld ab, als vielmehr von den beteiligten Menschen – sind sie aufgeschlossen für eine Konfliktbearbeitung, oder müssen sie erst überzeugt werden? Können sie mit mir zusammen den Konflikt von „außen“ ansehen, oder sind sie noch gefangen in der Streitdynamik? Wie finde ich für wen den passenden Zugang zu einer gewaltfreien Konfliktbearbeitung, zu ihren oder seinen Ressourcen, zu einer effizienten Kooperation?

4. Isabel Fernández de Castillejo,

Leipzig

Interkulturelle Mediation

Rechtswissenschaftlerin,
staatlich beeidigte Übersetzerin,
Zertifizierte Mediatorin

Website: http://transandlaw.de/

1. Was ist das Besondere in ihrem Mediationsfeld?

Mein Mediationsfeld sind internationale, meistens grenzüberschreitende Konflikte. Oft soll eine Kindesentführung durch die Mediation verhindert oder eine Lösung nach einer Kindesverbringung gefunden werden. Es handelt sich um Mediationen in hochemotionalen, äußerst konfliktiven und sehr komplexen Fällen, in denen mindestens in zwei Sprachen mediiert wird. Oft steht die Arbeit unter starkem Termindruck. Meist wird in einem Block von zwei bis drei Tagen, in insgesamt zwischen 10 bis 17 Stunden, versucht, eine Lösung zu erarbeiten, da die Medianten aus dem Ausland kommen oder sehr lange Anfahrtswege haben.Neben der Mediatorenausbildung ist eine spezielle Zusatzausbildung von ca. 50 Stunden notwendig. Die Meditationen werden nach dem „4B-Modell: bikulturell, bilingual, biprofessionell, bigender“ sowie immer mit einem Co-Mediator durchgeführt. Hin und wieder ist auch ein zusätzlicher Dolmetscher erforderlich.

2. Was reizt Sie daran, ausgerechnet in diesem Feld zu agieren?

Wenn die Medianten, meist Eltern, unter solch schwierigen Bedingungen eine Lösung erarbeitet haben, dann ist es ein ganz tolles, befriedigendes Gefühl hier nicht nur für die Eltern etwas geleistet zu haben, sondern für die betroffenen Kinder. Diese Meditationen geben mir die Möglichkeit, meine Stärken einzusetzen: Sprach-, Kultur- und Rechtskenntnisse, Einfühlungsvermögen, Flexibilität, Kreativität, Belastbarkeit. Ebenso gerne arbeite ich übrigens als Co-Mediatorin.

5. Uwe Kassing,

Hamburg

Sanierungsmediation

Rechtswissenschaftler,
Fachanwalt für Insolvenzrecht,

Website: http://www.kassing-inso.de/

1. Was ist das Besondere in ihrem Mediationsfeld?

Im weiteren Sinne geht es im Insolvenzrecht um ein Recht, welches in die rechtlichen Beziehungen zwischen einem Schuldner (juristische oder natürliche Person) und einer Mehrzahl von Gläubigern eingreift, sobald eine, temporär nicht mehr ohne weiteres lösbare, Liquiditätskrise (Zahlungsunfähigkeit/ Überschuldung) eintritt. Mein Arbeit findet in lebenden Unternehmen statt. In dem Moment geht es immer auch um die organisatorischen Abläufe (von Verfahren) unter Beteiligung von Menschen mit unterschiedlichsten Emotions- und Interessenlagen (Arbeitnehmer, Lieferanten, Kunden des kriselnden oder insolventen Unternehmens). Das Besondere ist also das Aufeinandertreffen mehrerer Konfliktbeziehungen, die zwar dieselbe Ursache haben, sich in dieser Situation aber sehr unterschiedlich ausprägen. Da das Insolvenzrecht seit dem 1.1.1999 mit dem Insolvenzplan eine Art Vergleichsvereinbarung zwischen mehreren beteiligten Gläubigern (die nach ihren Interessenlagen in Gruppen abgegrenzt und unterschiedlich behandelt werden können), eingeführt hat, ergab sich für mich die Notwendigkeit, zwischen diesen Konfliktparteien eine Verhandlungsbasis herzustellen. Deshalb habe ich für mich die Mediation als notwendige Vorbereitung und Verhandlungsstrategie für die Konfliktlösung durch Vereinbarung eines Insolvenzplans gesehen. Dieser stellt für mich die Mediationsvereinbarung zwischen einer Vielzahl von Parteien dar. Da es mir immer um das Ziel einer erfolgreichen Sanierung geht, habe ich den Begriff der Sanierungsmediation geprägt und verstehe ihn in der Anwendung umfassend, vom Einsetzen der Konflikte (ggf. auf Gesellschafterebene) bis zur Bewältigung der Konflikte mit der Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens.

2. Was reizt Sie daran, ausgerechnet in diesem Feld zu agieren?

  1. Für die Arbeit als Mediator in der Unternehmenskrise ergeben sich viele Schnittstellen zwischen Recht, Wirtschaft und Psychologie. Die Ausgangslage zu analysieren und den richtigen Weg zu finden, wie man die Interessen und Bedürfnisse der (gebildeten) Gruppen in dem Prozess einbinden und von einem Lösungsweg überzeugen kann, ist immer eine neue Herausforderung. Jeder Fall ist anders und hat insbesondere eine andere Komplexität. In den von mir betreuten Fällen habe ich die für die Branche übliche Lagerbildung zwischen dem „Insolvenzverwalter/ Sachwalter“, den „Gläubigern“ auf der einen Seite und dem „Unternehmer“ und dessen „Beratern“ auf der anderen Seite, aufbrechen können. Mir geht es um die Koordination und die Kommunikation in den Verhandlungen und ich stelle für alle Beteiligten eine Transparenz und Informiertheit über den Verfahrensvorgang dar. Das dauert Monate und erfordert eine gute rechtliche, wirtschaftliche und auch Menschenkenntnis, um zum Ziel zu kommen: allen Beteiligten durch eine verbindliche Vereinbarung (Insolvenzplan) eine gemeinsame Zukunftsvision und eine mehrheitsfähige Befriedung der Verhältnisse, u.a. auch eine monetäre Befriedigung, zu verschaffen.

6. Ralf Glowatzki,

Bottrop

Mediation am Bau

Bauingenieur,
Mediator,
Sachverständiger für Betonschäden und Betoninstandsetzung

Website: https://www.union-bau-gmbh.de/

1. Was ist das Besondere in ihrem Mediationsfeld?

Gestörter Bauablauf, Mehrkosten,  Nachtragsleistungen, Bauzeitverlängerungen, Bedenken gegen die Art der Ausführung, Planungsfehler, Rechnungskürzungen, Zahlungsverzug, Stillstand u.v.m. sind die Themen mit genügend Potential für Konflikte am Bau. Meist über viele Jahre in ein und demselben Projekt.

Die Beteiligten sind Menschen in den Rollen von Projetentwicklern, Investoren und Bauherren, Architekten und Ingenieuren, Handwerkern und Projektsteuerern und zu guter Letzt auch Richter und Rechtsanwälte. Bemerkenswert ist, dass es nicht außergewöhnlich, sondern alltäglich ist. Das es gar nicht auffällt, weil es immer schon so war. Wer baut hat Stress. Niemand will nachgeben. Fehler eingestehen. Das Gesicht verlieren. Auf dem Bau ist Stärke angesagt. Laut-Stärke. Durchsetzungsvermögen. Nur keine Schwäche zeigen.

Menschen wie Du und Ich stehen hier im Mittelpunkt des Geschehens.
Und das Besondere ist ihre Einzigartigkeit. Ihre Art, ihre Strategien, ihre Konzepte den alltäglichen Konflikten zu begegnen und diese zu meistern.

2. Was reizt Sie daran, ausgerechnet in diesem Feld zu agieren?

Ich bin Bauingenieur und habe selbst mindestens ein viertel Jahrhundert mit harten Bandagen in unzähligen Bauprojekten gekämpft. Als Bauunternehmer reizte es mich irgendwann die alten Muster zu brechen. In Bauprozessen z.B. für alle am Bau Beteiligten einen Raum zu schaffen in dem Konflikte offen angesprochen werden dürfen. Und einen Raum zu haben, in dem es erlaubt ist die hinter allen Konflikten liegenden Interessen und Bedürfnisse sichtbar zu machen, vergrößert die Chance eine Verhandlung  mit einem Konsens anstatt mit einem Kompromiss zu beenden um ein vielfaches. Darüber hinaus behindern ungelöste Konflikte meistens den Baufortschritt. Selbst eine größere Abweichung vom Bau Soll kann die Folge sein. Hier sind zumeist höhere Instandhaltungs- und Instandsetztungskosten zu erwarten.

Mich reizt ganz besonders daran in diesem Feld zu agieren, weil mit lösungsorientierten Verständigungsprozessen für mehr Nachhaltigkeit und Qualität am Bau gesorgt werden kann.

7. Natalia Berrio Andrade,

Hamburg

Teamkonflikte

zertifizierten Transaktionsanalytikerin CTA,
Trainerin, Coach und Beraterin,
Personal- und Führungskräfteentwicklung

Website: http://ta-campus-hamburg.de

1. Was ist das Besondere in ihrem Mediationsfeld?

Bei Teamkonflikten zeigt sich die Vielfalt und Unterschiedlichkeit der Menschen. Was den Treibstoff für konstruktive Arbeit sowie für Veränderungs- und Innovationsprozesse einerseits bildet, sorgt im Konfliktfall für Reibungsverluste und behindert so den co-kreativen Arbeitsfluss.

Ein erfolgreiches Team zeichnet sich u.a. durch vielfältige Rollen, unterschiedliche Perspektiven und differenzierte Kompetenzen aus. Das erfordert zugleich, diese Unterschiedlichkeit im Denken und Handeln schätzen und integrativ damit umgehen zu können. Meistens wird erst im Konfliktfall deutlich, welche persönliche Reife, Mut und Kompetenz es braucht, um Konflikte nicht als unerwünschtes „Übel“, sondern als Chance zu begreifen. Bei Anfragen zur Teamentwicklung erlebe ich immer wieder, dass bereits die Sichtweise auf einen Konflikt und diesen entsprechend zu benennen, für viele eine große Herausforderung darstellt.

Wenn wir jedoch die menschliche Persönlichkeit in ihrer Entwicklung verstehen, wird deutlich, dass wir im eigenen Individuationsprozess, sich widerstrebende Bedürfnisse in uns balancieren und integrieren lernen müssen, d.h. Entwicklung per se bedeutet, Konflikten zu begegnen.

2. Was reizt Sie daran, ausgerechnet in diesem Feld zu agieren?

Es geht mir um Entwicklung im Transformationssinne: D.h. nicht nur darum, zu lernen, das eigene Umfeld und die Bedingungen so zu verändern, dass ich mit meinen Eigenarten nicht mehr anecke, also „nur“ meine Komfortzone vergrößere; sondern darum, an der „Ich-Struktur“ etwas zu verändern. Damit entstehen ganz neue Denk- und Handlungslogiken, wodurch Konflikte nachhaltig gelöst werden können. Zudem kann entsprechend über neue, noch völlig unbekannte Formen der Zusammenarbeit nachgedacht und diskutiert werden.
Die Herausforderung besteht darin, das Team während des Transformationsprozess zu begleiten, geeignete Räume zu schaffen, um dies zu ermöglichen und zugleich immer wieder angemessen zu konfrontieren.
Eine Frage kann dabei sein: Wie kann es dem Einzelnen und dem Team als Ganzes gelingen, sich einerseits über eine eigene Positionierung zu definieren, ohne sich abgrenzen zu müssen und andererseits soviel Spannung und Differenzierung auszuhalten, wie nötig ist, um Neues zu kreieren und sich weiterzuentwickeln.

8. Dietmar Pistorius,

Troisdorf

Mediation bei Konflikten in Diakonie und Kirche

Pfarrer an der Stadtkirche in Troisdorf,
Zertifizierter Mediator,
Gründer des Fördervereins Evangelisches Zentrum für Familien Troisdorf e.V.

Website: https://www.frank-und-frei.org/

1. Was ist das Besondere in ihrem Mediationsfeld?

„Kirche und Diakonie“ sind geprägt vom Leitbild der „Geschwisterlichkeit“ und dem Bestreben zur „Einmütigkeit“. Insofern sind Konflikte in der Überzeugung vieler Christenmenschen etwas, was eigentlich nicht vorkommen sollte. Aber wo Menschen zusammen sind, bleiben Konflikte nicht aus – auch nicht in der Kirche. Das wusste Jesus besser als die, die ihm nachfolgten. Der geistliche Überbau erschwert allerdings den Umgang mit Konflikten: Denn wenn es unter uns eigentlich keine Konflikte geben sollte, dann brauche ich keine Prävention und die Moderation erschöpft sich häufig im Appell an die Gemeinsamkeit. Erst wenn die Begegnung mit der Wirklichkeit unausweichlich geworden ist, kommt Mediation in Betracht.

2. Was reizt Sie daran, ausgerechnet in diesem Feld zu agieren?

Als Pfarrer und aktive Führungskraft in der evangelischen Kirche ist es die Erfahrung, wie hilflos Mitarbeitende in Kirche und Diakonie häufig im Umgang mit Konflikten sind. Es grenzt schon ein wenig an „missionarischen Eifer“, in diesem Kontext für einen offenen und konstruktiven Umgang mit Konflikten zu werben. Auf der anderen Seite erlebe ich in der konkreten Mediationspraxis dann häufig Menschen, für die „Wertschätzung“ ihres Gegenübers eine Grundhaltung ist und „Versöhnung“ kein Fremdwort. Und wenn dann eine gelungene Mediation dazu hilft, diese Wertschätzung wiederzugewinnen und Versöhnung als die Eröffnung einer gemeinsamen Zukunft zu erleben, dann ist etwas von dem erfahrbar geworden, was Christenmenschen glauben.

9. Michael Cramer,

Berlin

Familienmediation

Zertifizierter Mediator und Ausbilder BM, Supervisor DGSv,
MA Politikwissenschaft und Soziologie
Mediator im Projekt BIGFAM – Berliner Initiative für geförderte Familienmediation

Website: http://www.klaeren-und-loesen.de/

1. Was ist das Besondere in ihrem Mediationsfeld?

Familienmediation ist ein diverses Feld. Von Paaren, die versuchen einen Weg zu finden, wie sie ihre Beziehung retten können, zu Menschen, die versuchen einen Weg zu finden sich gut zu trennen bis hin zu intergenerationellen Konflikten oder dem Zusammenleben in Patchworkfamilien. Und oft geht es nicht nur um diejenigen, die im Raum sind, sondern auch um Kinder, deren Bedürfnisse und Rechte auch eine Rolle spielen. Und da Familie zumeist eine der zentralen Bezugspunkte von Menschen ist, ist es oft ziemlich emotional.
Familien sind aber nicht nur Lebensgemeinschaften, sondern in manchen Fällen auch gemeinsame Besitzer von Unternehmen. Und hier gibt es Überlappungen zur Wirtschaftsmediation.

2. Was reizt Sie daran, ausgerechnet in diesem Feld zu agieren?

Mich reizt die Vielfalt. Nicht nur die Vielfalt von Lebensentwürfen, Lebensstilen und Familienmodellen, sondern auch die der Themen, die die Menschen bewegen. Und mich reizt der Umgang mit starken Emotionen und hier insbesondere der Moment, in dem es zu einer Entspannung kommt. Außerdem nehme ich wahr, dass die Bereitschaft an einer für alle zufriedenstellenden Lösung zu arbeiten in diesem Feld, gerade auch weil Lösungen nur gemeinsam möglich sind, in diesem Feld besonders hoch ist. Und das macht mir als Mediator Freude.

Und wie in allen Feldern der Mediation betrachte ich meine Tätigkeit nicht nur als einen Beitrag zu Beilegung dieses akuten Konflikts, sondern auch als einen Betrag hin zu einen guten Miteinander in unserer Gesellschaft insgesamt, zu einen von Respekt und Wertschätzung getragenen Miteinander, trotz aller Differenzen.

10. Andrea Hochhausen-Schnitzler,

Elsdorf

Elder Mediation

Master of Mediation,
B.Sc. Psychologie,
zertifizierte Verfahrensbeiständin und Ergänzungspflegerin

Website: http://www.ahs-pt.de/

1. Was ist das Besondere in ihrem Mediationsfeld?

Bei der Elder Mediation handelt es sich um eine Form der Mediation, die sich speziell mit den Belangen, Anliegen und Themen älterer Menschen befasst.
Elder Mediation ist ein Prozess, bei dem die Medianten Alter bzw. die Konsequenzen des Älterwerdens als ein Thema ihres Konfliktes wahrnehmen.
Diese Art der Mediation schließt oft die vielen Personen ein, die mit dem Thema befasst sind, wie beispielsweise Familienmitglieder, Pflegepersonen, Organisationen, Beratungsstellen und verschiedenste Dienstleister.
Das Ergebnis einer erfolgreichen Mediation sind allseitig akzeptable Vereinbarungen, die so gut wie möglich, die berechtigten Interessen aller berücksichtigen und gleichzeitig die Betreuungsqualität, die Beziehungsqualität und die Lebensqualität aller verbessert.
Eine andere Definition der Elder Mediation weist auf den präventiven Aspekt  dieser Mediationsform hin: „…Mediation mit altersspezifischen Themen – Elder Mediation – betont ihren präventiven Charakter, bringt Familien an einen Tisch und spricht absehbare oder befürchtete Entwicklungen an (z.B. Pflegebedürftigkeit, Umzug), um Strategien zu entwickeln.

2. Was reizt Sie daran, ausgerechnet in diesem Feld zu agieren?

In Deutschland ist dieser junge Zweig der Mediation noch nicht sehr bekannt, sondern gelangt erst Anfang der 2000er Jahre als sehr spezialisierter Fachbereich ins Blickfeld der Fachwelt.
Wir wissen, dass unsere Gesellschaft in den kommenden Jahrzehnten immer älter werden wird. Das 21. Jahrhundert wird daher das Augenmerk auf die Lebensabschnitte des Alters und des Alterns legen müssen. Mediation kann dabei unterstützen.
Auch alte Menschen stehen vor neuen Entwicklungsaufgaben, befinden sich in Entwicklungskonflikten, denen sie sich stellen müssen, soll die zukünftige, verbleibende Zeit noch einen Sinn haben. Auch im Alter ist somit der Mensch mit Anforderungen konfrontiert, denen er zuvor nicht begegnet ist.
In den letzten Jahren zeigt sich eine Zunahme an Wünschen zumindest auf Seiten der „Jüngeren Älteren“ nach professioneller Unterstützung. Die jetzt älter werdende Generation scheint nicht so große Vorbehalte zu haben gegenüber diesen Hilfen, insbesondere gegenüber einem Aushandeln. Gerade die Möglichkeit, Vereinbarungen zur gegenwärtigen oder zukünftigen Lebenssituation treffen zu können, führt viele ältere Menschen in die Mediation.
Elder Mediation knüpft an die gegenwärtigen Anforderungen des Alters an und ist von einer großen Gefühlstiefe geprägt.

Vielen Dank an alle Mediatorinnen und Mediatoren für Ihre Beiträge und Ihre Engagement!

Selbstverständlich gibt es noch viele und sehr wichtige Felder von Mediation!

Im kommenden Newsletter von INKOVEMA werden wir weitere Felder und dazugehörige Mediatorinnen und Mediatoren vorstellen und geografisch dem Bundesgebiet, einschl. Österreich und Schweiz, zuordnen.

Möchten auch Sie dabei sein, schreiben Sie uns in den Kommentaren, in welchem Feld Sie arbeiten, was Sie daran besonders reizt und wo Sie imm deutschsprachigen Gebiet besonders tätig sind. Wir werden uns sodann bemühen, sofern Sie das möchten, Ihre Kontaktdaten in unserem nächsten Newsletter mit aufzunehmen.

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2018-09-21T17:42:15+00:0021. 9. 2018|Tags: , , |

Über den Autor:

Dr. jur. Sascha Weigel, Mediator und Ausbilder (BM), Transaktionsanalytiker und Systemdesigner, Gründer und Inhaber von INKOVEMA, spezialisiert auf strategische Mediationen und hochwertige Ausbildungen in Mediation.

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