Mediation ist pay-pay und nicht win-win! Und der Preis ist hoch!

Erkenntnisse und Vorgehensweise zum Mediationsstil der Transgressiven Mediation nach Ed Watzke.

Einführung

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich – so um 2006 – in meinem frisch bezogenen Büro an der Martin-Luther-Univeristät in Halle-Wittenberg erstaunlich viel Zeit zum Forschen und Lesen hatte und mir das schmale gelbe Bändchen von Ed Watzke in die Hände fiel.

Transgressive Mediation!

Mediation als äquilibristischer Tanz!

Wow!

Vieles, was ich dann zu lesen bekam, stellte meine Überlegungen auf den Kopf und ich wusste, dass ich etwas für mich entdeckt hatte. In meinem damaligen Büro hatte ich gerade zufällig dieses Plakat hier aufgehängt, das das Eureka-Gefühl noch stärker werden ließ.

Seither habe ich nach Abschluss meiner universitären „Laufbahn“ einige „Tanzveranstaltungen“ überstanden, wirbelte die festgefahrenen Konfliktperspektiven einiger MediantInnen auf und konnte hin und wieder erleben, wie sich das Aufgewirbelte in konstruktiven und förderlichen Ordnungen wieder beruhigte und zusammenfügte. Deshalb soll es heute um Dr. Ed Watzke und seinen transgressiven Ansatz in der Mediation gehen.

Ed Watzke – Das Enfant terrible der Mediationsszene

Ed Watzke ist gewissermaßen ein Mediator der ersten Stunde in Österreich, entwickelte einen enormen Einfluss auf die Praxis und Ausbildung von MediatorInnen und prägte mit seiner Arbeit in Österreich die Praxis des außergerichtlichen Tatausgleichs (ATA), vergleichbar dem Täter-Opfer-Ausgleich in Deutschland.

Die unkonventionelle, mitunter unverfrorene und frivole Art seines Auftritts als Mediator und Ausbilder lässt sich durchaus damit zusammenfassen, dass Ed Watzke das Enfant terrible der deutschsprachigen, mitunter eher friedens- und emotionsbeseelten Mediationsszene ist. Ob er dieser Einschätzung allerdings beipflichten würde, kann ich nicht sicher sagen, aber das wäre auch ungewöhnlich bei Ed Watzke.

Seine unkonventionelle Art entwickelte er vor allem an strafrechtlich-relevanten, d.h. hoch eskalierten Konfliktfällen. Er selbst spricht dabei von über 1000 Fällen, die er im Außergerichtlichen Tatausgleich bearbeitet hat. Wikipedia spricht sogar von über 2000 Fällen. Sei’s drum.

Späterhin hat Watzke seinen Ansatz jedenfalls zur „Metaphernbrücke“ erweitert. Dabei handelt es sich um einen ganzheitlichen, situativ arbeitenden Ansatz, der allerdings  auf seine Person  und Persönlichkeit maßgeschneidert scheint. Adaptionen erscheinen nicht ohne Weiteres möglich.

Mit Hilfe von Metaphern, Übertreibungen und Zuspitzungen, ohne zu verletzen, lädt er als „Hofnarr am Konflikthof“ die Beteiligten zu einem „äquilibristischen Tanz“ ein. Dabei steht zu Beginn das unzweideutige Bekenntnis an, zukünftig und endgültig den „Pfad des Friedens“ zu beschreiten. Wie der genaue Ablauf einer solchen Mediation dabei ausschaut oder ausschauen kann, wird im Folgenden in seinen strukturellen Grundzügen beschrieben.

In seinem Buch „Metaphernbrücke“ beschreibt er zudem diese Vorgehensweise ausführlich an einem Beispielsfall zweier befreundeter Frauen und Nachbarinnen, die sich bereits über Jahre „bekriegt“ haben. Aus diesem Grunde verzichte ich hier an einer beispielhaften Erläuterung und begrenze mich auf die Darstellung eines gedanklichen Gerüsts, das genutzt werden kann, um sich in dieser Vorgehensweise zu testen und zu üben.

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Vorgehensweise bei der Transgressiven Mediation 

1. Phase Eins: PEACE NOW!

Für Watzke gilt in der Mediation, was Otto Scharmer für Führungsbeziehungen formulierte: Nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft bestimmt die Gegenwart.

Deshalb steht zu Beginn des Mediations- bzw. Friedensprozesses die unumstößliche Entscheidung an, endgültig Frieden zu schließen. Anschließend können Maßnahmen vereinbart werden, die diesen Frieden sichern. Watzke fokussiert absolut und kompromisslos auf den Frieden zwischen den Beteiligten, niemals auf den Kriegszustand, der für ihn bereits in der Vergangenheit liegt.

Schritt 1: Beziehung schaffen

Der Mediator muss echten, fühlbaren Kontakt zu seinen Klienten herstellen, sich auf sie als Menschen einlassen.

Schritt 2: Metapher „Krieg/Frieden“ und Wegkreuzung „Kriegs-/Friedenspfad“ einführen

Konfliktparteien sprechen in hocheskalierten, langjährigen Konfliktverläufen wie Kriegsberichterstatter, haben ihre Argumentationssalven, Horrorgeschichten etc. parat, bereit, sie jedermann auch mehrmals zu erzählen. Deshalb geht Watzke auch drastisch vor, spricht von Kriegen und Kriegsberichterstattungen, die die Konfliktparteien jederzeit bereit sind, jedem und überall zu referieren.

Schritt 3: Friedensbereitschaft abklären

Leitfrage:

  • Sind Sie beide wahrlich gewillt und bereit, Frieden zu schließen und endgültig den Friedenspfad zu beschreiten?
  • Sind Sie beide sich darüber auch vollkommen im Klaren, was das heißt?! Sie verlieren eine Menge!

Konfliktparteien sind sich meist nicht im Klaren darüber, welchen sekundären Nutzen Sie aus Konflikten ziehen. Sie bieten zum Beispiel hervorragenden Anlass, Kontakt mit Dritten aufzunehmen, Beziehungen zu Dritten zu gestalten und Bindungen aufzubauen.

Schritt 3a: Kriegspfad beenden und hinter sich lassen

Der Mediator holt sich ein unzweideutiges JA von beiden Seiten auf die Frage, ob der Frieden geschlossen werden soll und das der wahre Wille ist. Das ist meist nicht leicht, weil die Parteien daran Bedingungen knüpfen und Vorbehalte gegenüber der anderen Partei haben. Dabei geht es hier nur um das eigene JA, nicht um eine Vereinbarung! Der Mediator darf hier den Parteien nicht auf den Leim gehen, sonst lässt er Federn. Danach ggf. zurück zu Schritt 3.

Schritt 3 b: Pause als Intervention

Die Pause ist regelmäßig nötig und unterstreicht die Bedeutung der getroffenen Entscheidungen(!), Frieden zu schließen.

Schritt 4: Testen der Friedensbereitschaft (pay-pay)

Hier und Jetzt geht es um einen ersten kleinen Schritt in Richtung Frieden. Mediation ist nicht win-win, sondern pay-pay! Hier und Jetzt haben die Parteien in die Friedensbeziehung zu investieren. Wichtig ist dabei lediglich die Richtung, nicht die Größe des Schrittes. Es geht um Anerkennung der Person, ihrer Grundbedürfnisse, um Wertschätzung etc.. Als erster kleiner Schritt gilt, was von den Parteien als solcher wahrgenommen und anerkannt wird.

Watzke formuliert das so in seinem Buch „Metaphernbrücke“ (S. 39 f.)

„Wir Menschen zeigen eine erstaunlich hohe Bereitschaft, vieles in den Krieg zu investieren. Wir gehen jedoch davon aus, dass der Friede umsonst zu sein hat oder dass dafür ausschließlich die gegnerische Seite aufkommen soll. Aus langjähriger Erfahrung als Mediator weiß ich jedoch, dass wechselseitiges Auflisten von Forderungen, Vorwürfen, Verletzungen, Schuldzuweisungen etc. nicht auf den Friedenspfad führt. Frieden ist vorerst kein ‚Win-Win-Geschäft‘, sondern ein ‚Pay-Pay-Geschäft‘. Nicht Festhalten, Loslassen ist angesagt, eine Kunst, die uns das Leben oft trotz unserer beharrlichen Weigerung lehrt.“

Wichtig ist vor allem, dass die Gegenpartei die absolute Deutungshoheit darüber hat, ob IHR der Schritt der Gegenpartei ausreichend deutlich ist, dass darauf ein Vertrauen aufgebaut werden kann. Beteuerungen der Gegenpartei, wie schwer dieser Schritt gefallen sei, sind bedeutungslos! Hier ist das Standing und die Unbestechlichkeit des Mediators gefragt.

Schritt 5: Der Slowtalk

„(Wieder-)Erlernen“ eines gemeinsamen Dialogs zwischen den Parteien. Diese mögen zwar durchaus mit anderen Personen Dialog führen können. Jedoch zählt das wenig im Hinblick auf die Konfliktpartei.

Spielregeln: Kommunikation im Zeitraffer, Schritt für Schritt, nicht selten zunächst über die Mediatoren-Bande und vor allem ohne strittige Inhalte, die noch der Klärung bedürfen oder Verletzungen berühren.

Schritt 5 a: Was tun bei Rückfällen?

Rückfall in Kriegsmuster, Was ist zu tun?

Drei Leitfragen:

  • Ist der Friede noch immer ein wichtiges Anliegen?
  • Bringt Sie Ihr Kommunikationsstil diesem Ziel näher?
  • Was könnte ein zielführender Beitrag sein?

2. Phase Zwei: Frieden sichern!

Schritt 1: Ausgleichsmaßnahmen, sofern erforderlich.

Kriegsschäden beheben, emotonale, nagende Verletzungen heilen, materielle Schäden ausgleichen. Hier kommen auch noch mal Verlaufserläuterungen des bisherigen Krieges zur Sprache, aber unter dem Aspekt der Friedenssicherung, nicht der Aufrechnung!

Schritt 2: Strategische Veränderungsmaßnahmen

Veränderungen für die Zukunft einleiten, präventive Maßnahmen treffen, damit es nicht wieder wie einst auf den Kriegspfad geht…(Transformierung der Beziehung)

Schritt 3: Vermittlungsmaßnahmen, sofern erforderlich.

Welche Aufgaben stehen aktuell noch für den Vermittler an? Wofür bedarf es ihn noch? Umsetzungshilfen, Follow-up, Feinjustierungen?


Gutes Gelingen!

Oder was würdet Ihr ergänzen und empfehlen?

Wovon würdet Ihr die Hände lieber lassen?

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2017-11-19T16:37:31+00:00 19. 11. 2017|

About the Author:

Dr. jur. Sascha Weigel, Mediator und Ausbilder (BM), Transaktionsanalytiker und Systemdesigner, Gründer und Inhaber von INKOVEMA, spezialisiert auf strategische Mediationen und hochwertige Ausbildungen in Mediation.

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