Das strategische Element der Mediation oder die Anforderung an Mediation, die sie für Organisationen überhaupt interessant macht.

 

Vorbemerkung

Der folgende Post war ursprünglich als Beitrag für eine Fachzeitschrift gedacht. Im Grunde war er auch schon fertig, aber zusammen mit der verantwortlichen Redakteurin beschloss ich, für die Zeitschrift eine völlig andere Konzeption zu wählen, um das Thema zu verdeutlichen, das uns beiden am Herzen liegt. Ihr könnt deshalb auf die 70. Ausgabe der „Spektrum der Mediation“ gespannt sein.

Gewissermaßen als Appetithäppchen kann der nachfolgende Beitrag für eine strategischen Ausrichtung der Mediation (vor allem in und für Organisationen) verstanden werden.

 

Einführung

Was ist das strukturell neue Element, das die Mediation ausmacht? Es ist nicht neu, dass ein Dritter eingeschalten wird. Es ist auch nicht gänzlich neu, dass den Interessen der Beteiligten besondere Bedeutsamkeit (besser: Bedeutung?) zugemessen wird. Zwar werden die Interessen in der Mediation explizit erarbeitet, aber auch bei Gericht finden die Interessen der Parteien Zugang – vermittelt über den behaupteten Anspruch (§ 194 BGB) und eingekleidet in den Klageantrag. Auch der Schlichter beachtet die Interessen, um einen guten Vermittlungsvorschlag zu unterbreiten.

Allein die Mediation ist jedoch in der Lage, ein strategisches Element in die Konfliktbearbeitung einzubauen. Die gemeinsamen Möglichkeiten werden zum „streitentscheidenden“ Faktor der Konfliktbearbeitung. Die Zukunft rückt in den Fokus der Bearbeitung.

 

Grundlagen: Ausgleich – Vermittlung – Entwicklung

Konflikte durch Einschaltung eines Dritten zu bearbeiten, ist generell eine Kulturleistung des Menschen. „Dritte“ sind im Konflikt immer auch eine Zumutung für die Konfliktparteien. Sie fordern die sie argumentativ heraus und eine soziale(re) Konfliktbearbeitung ein; sei es durch ihr Verfahren oder auch durch ihre bloße Anwesenheit. Dritte bringen immer auch eine eigene Perspektive und Fokussierung mit. Ihre Anwesenheit soll ja etwas ändern.

Dass MediatorInnen strukturiert arbeiten, wie das Gesetz es verlangt, oder gefühlsorientiert, macht sie nicht einzigartig unter den Dritten. SchlichterInnen ist es ja nicht verboten, strukturiert zu arbeiten und kommunikativ auf die Beziehungsebene zu achten. RichterInnen übrigens auch nicht. Das macht die Mediation nicht neu. Und dass MediatorInnen in der Regel keine inhaltliche Entscheidung treffen (wie Richter) oder einen Vermittlungsvorschlag unterlassen mitzuteilen (anders als SchlichterInnen), ist mehr oder weniger eine Frage der Technik. Die Trennlinie von Prozess- und Inhaltsverantwortung hat ohnehin eher William Turner gezeichnet als Pablo Picasso.

Für das vertiefte Verständnis hilft vielmehr ein Blick auf die zeitlichen Dimensionen, die in den Blick genommen werden: Ausgleichende Elemente in der Konfliktbearbeitung beziehen sich immer auf die Vergangenheit. Darin sind Richter qua Gesetz Meister. Vermittlungstätigkeiten hingegen sind stets auf die gegenwärtige Beziehung fokussiert. Das ist das Spielfeld des Schlichtens. Beides kommt auch in der Mediation vor. Einzigartig und innovativ wird Mediation aber erst dann, wenn sie zukunftsorientiert den Konflikt bearbeitet.

 

Das Neue der Mediation – Die Ausdehnung auf die Zukunft

Das Neue der Mediation ist die Ausdehnung auf die dritte Zeitdimension: die Zukunft. Wo wird vor Gericht und in einer Schlichtung nicht nach der Lösung gesucht, in der Mediation aber (hoffentlich) sehr wohl? In der Zukunft. Sie offenbart die neuen Möglichkeiten, die einzig die Mediation erschließt, während Richter das rechtlich Relevante der Vergangenheit detektivisch filtern müssen und Schlichter die gegenwärtige Mitte ausloten, die einen Kompromiss zulässt.

Mediatoren hingegen haben sich explizit auf die (Konfliktbearbeitungs-)Fahne geschrieben, den „Kuchen zu vergrößern“ und aus einer bedrängenden Situation eine „Win-win-Situation“ zu kreieren. Das geschieht nicht durch Umdeutung der Vergangenheit oder allein durch einen Perspektivwechsel auf das, was gegenwärtig ist. Vielmehr stellt die Kuchenvergrößerung einen – jetzt einzuleitenden, aber dennoch zukünftigen Prozess dar, der planend in der Mediation entwickelt wird, dessen Zutaten „geklärt“ werden und dessen Umsetzung vereinbart wird.

Natürlich vermitteln auch MediatorInnen und nicht selten achten sie auf einen gewissen Ausgleich (z.B. beim Täter-Opfer-Ausgleich oder bei anderen Formen von Entschuldigungen, die immer Ausgleichsmaßnahmen sind.). Aber das geht nicht zwingend mit einer Kuchenvergrößerung einher.

Ausgleich und Vermittlung sind häufig Vorbereitungsarbeiten, um letztlich strategische Entwicklungs- und Wachstumsmöglichkeiten zu kreieren – und „den Kuchen zu vergrößern“.

 

Ausgleich und Vermittlung sind Vorbereitungsarbeiten, durch die der Raum geschaffen wird, den Kuchen tatsächlich zu vergrößern. Derartige Entwicklung und gelingendes Wachstum bedarf einer strategischen Ausrichtung.

Das strategische Element

Was kennzeichnet das strategische Element? Strategie befasst sich explizit mit zukunftsorientierten, nicht selten überlebensrelevanten Fragestellungen eines sozialen Systems (Nagel/Wimmer). Strategie reizt zu Überlegungen, welche Entwicklung wünschenswert und welche Zukunft erstrebenswert ist. Ausgehend von dem „Bild aus der Zukunft“ lassen sich dann Ansätze für die Konfliktbearbeitung finden: Wie kommen wir von hier dorthin? Was müssen wir in die Wege leiten, um (über-)morgen dort zu sein?

 

Wie kommt das strategische Element in die Mediation?

Das strategische Element muss durch den Mediator aktiviert werden. Greift er nicht weiter in die Zukunft und holt er sie nicht in die gegenwärtige Kommunikation, bleibt sie irgendwo, meist links liegen – und die Mediation ist bestenfalls eine angenehme, emotional durchaus interessante Schlichtung – auch wenn der Mediator keinen Vorschlag unterbreitet. Holt der Mediator allerdings die (still erhofften oder noch unbewussten) Zukunftswünsche in die Mediation, also in den Konflikt(!), so schöpft er das Potenzial aus, das ihm als Mediator zugestanden wird.

Methodisch kann die Mediation auf die Erfahrungen der organisationsbezogenen Strategieberatung zurückgreifen – was auch bereits geschieht (Kurt Fallers Systemdesign-Ansatz etwa). Besonders lohnenswert scheint m.E. hier der Weg durch das „U“ zu sein, wie ihn Otto Scharmer bereits in seinem Organisationsentwicklungsansatz „Theory U“ formuliert hat. Übrigens ein Ansatz, der seinen Ausgangspunkt im Konfliktmanagement nahm und von Friedrich Glasl und Dirk Lemson entwickelt wurde.

 

Konsequenzen für die Mediation

Welche Konsequenzen lassen sich für die Mediation aus diesen Überlegungen ziehen?

  • Mediation hat ein ausgleichendes Element, um Ungerechtigkeiten auszuräumen – ohne zu verurteilen. Mediation ist auch ein vermittelndes Instrument, um Gemeinsamkeiten zu finden – ohne zu heucheln. Aber erst eine strategisch ausgerichtete Mediation nutzt das Potenzial, das diese Form der Vermittlung einzigartig macht.
  • Mediation begründet einen neuen Trend in der Konfliktbearbeitung. Soziale Systeme, vor allem wirtschaftlich agierende Organisationen, können es sich schlicht nicht mehr leisten, im Konfliktfall ausschließlich anhand der Vergangenheit oder mit Blick auf die Gegenwart zu agieren. Die strategischen Möglichkeiten gerade im Konflikt auszuloten, macht das Mediationsverfahren für sie wertvoll – wenn es das bietet! Die vermuteten Potenziale im Konflikt und seine unabweisbare Feedback-Funktion müssen genutzt werden, um wirtschaftlich zu bestehen. Der Konfliktfall als Lernfeld, das ist der Wert von Mediation; ihre Strategie ist, dem kommunikativ Raum zu verschaffen.
  • Mediation scheint ungeeignet für die „Massenware Konflikt“. Was im Einzelfall sinnvoll erscheint, mag als regelhafte Methode in massenhaft aufkommenden Alltagskonflikten wie z.B. in Verbraucherstreitigkeiten durchaus Zweifel erregen. Die zu leistenden „Investitionen“ stehen nicht im Verhältnis zum Ergebnis, und mit der Schlichtung steht hier ein Mittel der Wahl zur Verfügung. Deshalb hat das VSBG die Schlichtung als Normal- und Regelfall angesehen, auch wenn sie die Mediation nicht ausgeschlossen hat, vgl. § 18 VSBG.

Die strategische Mediation hat deshalb in Unternehmen aussichtsreiche Chancen, sich als ernsthafte Konfliktmanagementmethode zu etablieren. Dafür muss sie ihre Stärke einbringen und nicht versuchen, verständnisvolle Gerechtigkeitsbringerin (Justitia) zu spielen. Sie steht dafür, Konflikte strategisch zu bearbeiten, das Engagement und die Motivation der Beteiligten zu würdigen und angemessen zu integrieren. Sie bietet anlässlich der Konflikte die Möglichkeit, die leisen Signale der Organisation wahrzunehmen und sie in die Gesamtstrategie einzupassen. Insoweit kann eine strategisch ausgerichtete Mediation als Thermostat in der Organisationskultur etabliert werden, um die richtige Temperatur stetig neu einzuregeln.

 

Gern würde ich mit Euch die vorgestellten Überlegungen diskutieren. Wer Lust dazu hat, schreibt einfach in die Kommentarfunktion.

 

Alles Liebe zum Wochenende!

Sascha

2017-08-18T13:57:31+00:0018. 8. 2017|

Über den Autor:

Dr. jur. Sascha Weigel, Mediator und Ausbilder (BM), Transaktionsanalytiker und Systemdesigner, Gründer und Inhaber von INKOVEMA, spezialisiert auf strategische Mediationen und hochwertige Ausbildungen in Mediation.

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