Fünf Fragetypen für den Weg von A nach B.
Ein Landkarte und ein Leitfaden nach Dave Gray
Einführung
Wenn der Pfad zwischen zwei Punkten unklar ist, braucht es die richtigen Fragen – als Kompass für die Reise durch unbekanntes Terrain. Dave Gray beschreibt in Gamestorming fünf Fragetypen, die in komplexen Herausforderungsräumen orientieren.
Die fünf Fragetypen im Überblick
Fragen wirken in solchen Aufgabenstellungen wie Zündfunken: Sie entfachen die Leidenschaft und Energie, erzeugen Wärme und beleuchten Dinge, die bisher im Dunkeln lagen. In jedem Wissens-Spiel muss die Welt geöffnet, erkundet und geschlossen werden.
Beim Navigieren zwischen A und B kommen alle fünf Fragetypen zum Einsatz.
Dieses fünfstufige Programm – Gamestorming – hilft konkret: Es verhindert, dass die Gruppe sofort in die Lösung springt (typische Falle bei Technikthemen) oder in endlosen Grundsatzdiskussionen stecken bleibt. Die fünf Etappen geben dem Gespräch eine Dramaturgie – erst alles öffnen, dann tief schauen, dann spielen, dann wählen.
Anhand eines Beispiels wird das im Laufe des Beitrags aufgezeigt: Benötigen Coaches und Mediatoren, die sich als unmittelbare Berater für zwischenmenschliche Kommunikation verstehen, Künstliche Intelligenzen? Wir haben einen Zustand A (Beraten ohne KI) und fragen nach Wegen zum Zustand B (Beraten mit Hilfe von KI).
01 ◎ Fragetyp 1
Öffnende Fragen
Öffnen = Divergenz
Öffnende Fragen bilden den ersten Akt jeder Exploration.
Sie laden ein, so viele Ideen und Möglichkeiten wie möglich zu erzeugen – ohne Bewertung, nur mit Neugier. Das Ziel ist ein Gefühl von Energie und Optimismus, in dem alles möglich scheint. Stellen Sie sich einen großen Korb vor, der unendlich viele Ideen aufnehmen kann. Legen Sie einfach alles hinein – ohne zu fragen, ob es nützlich ist.
- Wie würden Sie das Problem beschreiben, vor dem wir stehen?
- Was sind die größten Herausforderungsbereiche?
- Was möchten wir erkunden und entdecken?
- Woran wollen Sie arbeiten und nach welchen Spielregeln?
01 · Öffnen – Divergenz Der Raum wird aufgemacht:
Was bedeutet KI überhaupt für uns als Mediatoren?
Fragen wie „Wo verlieren wir heute Zeit und Energie?“ oder
„Was können wir gerade nicht anbieten, weil uns Kapazität fehlt?“ oder
„Was würde ein KI-Werkzeug ermöglichen, das wir uns bisher nicht vorstellen konnten?“
Alles kommt auf den Tisch, nichts wird bewertet. Ergebnis: eine bunte Liste aus Ängsten, Hoffnungen, Ideen und blinden Flecken.
02 ⊕ Fragetyp 2
Navigierende Fragen
Navigieren = Kurs halten
Navigierende Fragen helfen dabei, den Kurs während der Arbeit zu beurteilen und anzupassen.
Sie stellen sicher, dass die Gruppe auf Kurs bleibt, sich gegenseitig versteht und gemeinsam die gewünschten Fortschritte macht. Als Kapitän eines Schiffes: Kurskorrekturen vornehmen, ohne zu viel Zweifel zu signalisieren.
- Sind wir auf dem richtigen Weg?
- Habe ich das richtig verstanden?
- Hilft uns diese Diskussion, unser Ziel zu erreichen?
- Sollten wir diesen Strang vertagen und später aufgreifen?
02 · Navigieren – Kurs halten Mitten in der Erkundung:
Sind wir noch bei dem, was uns wirklich weiterbringt?
Die Frage „Reden wir gerade über Technik oder über unsere Arbeit?“ hält den Fokus.
„Was brauchen unsere Klienten tatsächlich – und folgen wir diesem Gedanken noch?“
Das Programm könnte hier z.B. prüfen, ob die Gruppe vom eigentlichen Ziel abdriftet oder ob ein Thema (Datenschutz, Kosten, Beziehungsqualität) so viel Raum einnimmt, dass andere nicht zu Wort kommen.
03 ⊡ Fragetyp 3
Untersuchende Fragen
Untersuchen = Analysieren
Untersuchende Fragen rufen Beobachtung und Analyse hervor.
Sie verengen die Perspektive gezielt auf Details, Spezifika und beobachtbare Eigenschaften – wie eine Lupe, die ein Thema heranzoomt. Sie machen abstrakte Ideen konkret, indem sie diese quantifizieren und qualifizieren. Wenn eine Idee ein Stein wäre, ermitteln untersuchende Fragen Gewicht, Farbe, Größe und Form.
- Woraus besteht es? Wie ist es aufgebaut?
- Wie funktioniert es in der Praxis?
- Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?
- Wie würde das in einem realen Szenario aussehen?
03 · Untersuchen – Analyse Jetzt wird konkret geschaut:
Was genau ist ein KI-Assistent in der Mediation – und was nicht?
Fragen wie „Welche Aufgaben im Mediationsprozess sind repetitiv und regelbasiert?“
Welche Schritte und Prozesse unternehmen wir nicht, weil wir es ohne KI nicht können?
„Wo braucht es zwingend menschliche Intuition?“ oder
„Was kostet uns der Status quo – in Stunden, in Qualität, in verpassten Mandaten?“
Ergebnis: ein klares Bild davon, wo KI tatsächlich andocken könnte – Protokolle, Vorbereitung, Nachbereitung, Strukturhilfen – und wo sie fehl am Platz wäre.
04 ⊗ Fragetyp 4
Experimentierende Fragen
Experimentieren = Imaginieren
Experimentelle Fragen rufen die Vorstellungskraft auf den Plan. Sie heben die Perspektive auf eine höhere Abstraktionsebene und suchen nach unerwarteten Verbindungen und ungesehenen Möglichkeiten. Wenn eine Idee ein Stein wäre: Was kann ich damit tun, das über das Offensichtliche hinausgeht? Werfen, Geräusche machen, als Werkzeug nutzen?
- Was sonst funktioniert auf ähnliche Weise?
- Was würde passieren, wenn alle Hindernisse wegfielen?
- Was übersehen wir gerade?
- Was, wenn wir mit unserer Annahme falsch liegen?
04 · Experimentieren – Imagination Jetzt wird gespielt: Was wäre, wenn…?
„Was wenn eine KI alle Vorinformationen eines Streitfalls auswertet und dem Mediator eine strukturierte Situationsanalyse liefert – bevor die erste Sitzung beginnt?“ Oder:
„Was wenn Klienten zwischen den Sitzungen mit einem KI-Companion Gedanken sortieren können, ohne den Mediator zu belasten?“
Oder provokativ: „Was wenn KI die Gesprächsführung teilweise übernimmt – was würden wir dann verlieren, was gewinnen?“
Ziel: unerwartete Anwendungsfelder sichtbar machen.
05 ◈ Fragetyp 5
Schließende Fragen
Schließen = Konvergenz
Schließende Fragen sind das Gegenteil öffnender Fragen.
Statt Vielfalt zu erzeugen, geht es jetzt um Auswahl, Priorisierung und Verpflichtung zu Entscheidungen. Das ist die Zeit für kritisches Denken. Schließen ist wie nach Hause kommen: müde, aber mit dem Bedürfnis nach greifbaren Ergebnissen und einem Gefühl von Vollendung.
- Wie können wir diese Optionen priorisieren?
- Was ist in unserem Kontext tatsächlich realisierbar?
- Was können wir in den nächsten zwei Wochen konkret angehen?
- Wer übernimmt welche Aufgabe?
05 · Schließen – Konvergenz Jetzt wird entschieden:
Was machen wir konkret?
„Welcher Anwendungsfall bringt uns den größten Nutzen bei vertretbarem Aufwand?“ oder
„Was bauen wir zuerst – einen Assistenten für die Vor- und Nachbereitung oder einen Companion für Klienten?“ oder
„Wer übernimmt was, bis wann haben wir einen ersten Prototypen?“
Ergebnis: ein konkreter nächster Schritt, nicht eine weitere Debatte.
Das Diamant-Modell des Suchprozesses
Die fünf Fragetypen bilden zusammen ein Diamant-Modell: Öffnen (Divergenz) → Erkunden mit Untersuchen & Experimentieren, begleitet vom Navigieren → Schließen (Konvergenz).
Das Modell beschreibt die logische Bewegung von A nach B in unbekanntem Gelände.
|
Nr. |
Fragetyp |
Zweck |
|
01 |
Öffnende Fragen |
ÖFFNEN · DIVERGENZ |
|
02 |
Navigierende Fragen |
NAVIGIEREN · KURS HALTEN |
|
03 |
Untersuchende Fragen |
UNTERSUCHEN · ANALYSIEREN |
|
04 |
Experimentelle Fragen |
EXPERIMENTIEREN · IMAGINIEREN |
|
05 |
Schließende Fragen |
SCHLIESSEN · KONVERGENZ |


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