Das Menschenbild der Mediation (mit Transaktionsanalyse) 2017-04-13T12:44:56+00:00

Das Menschenbild der Mediation (mit Transaktionsanalyse)

25 Grundlagen von Mediation (10)

Es gibt nicht nur ein Menschenbild der Mediation. Es gibt eine ungezählte Vielfalt von Vorgehensweisen, in Konflikten zu vermitteln. Und damit gibt es auch eine – wenn auch letztlich geringere – Anzahl von  unterschiedlichen Menschenbildern, die in Mediationen wirken. Aber sie lassen sich bündeln, sortieren und Strömungen zuweisen. Im Folgenden möchte ich ein hilfreiches Menschenbild vorstellen: Das transaktionsanalytisch fundierte Menschenbild für die Mediation.

Was sind Menschenbilder und welchen Sinn vermitteln sie

Von Menschenbildern spricht man bei grundlegenden, axiomatischen Annahmen über den oder die Menschen. Auf diesen Annahmen fusst letztlich alles Weitere, was Theorie und Praxis hervorbringen mögen, Konzepte und Modelle, Methoden und Tools.

Das, was hier Menschenbild genannt wird, ist ein Erklärungsprinzip, das ursprüngliche Muster aufzeigen soll, um sich in der Vielfalt der Erscheinungen zurechtzufinden.

Menschenbilder sind geeignet, die Arbeit von Mediator_innen zu unterstützen, zu reflektieren und zu professionalisieren. Das erscheint notwendig, weil die Arbeit von Mediator_innen angesichts ihres Vermittlungsauftrages dies verlangt oder zumindest nahelegt. Die Gefahr, das eigene Menschenbild explizit zu machen, und damit von der Ethik zur Moral zu wechseln und letztlich ideologisch zu arbeiten („Was nicht sein kann, weil es nicht sein darf!“), ist  m.E. latent vorhanden – und wir Mediator_innen wären nicht die Ersten, die in diese Ideologie- und Diktat(ur)falle tappten. Da gab es schon ganz andere, die eine gute Idee angesichts des Leids und der Ungerechtigkeit in der Welt hatten und diese verfolgten, und miserable Ergebnisse und Konsequenzen herbeiführten.

Gleichwohl stimme ich für die Bewusstmachung der eigenen Vorannahmen und der Gefahr, ideologisch zu agieren, entsprechend Rechnung zu tragen. Denn für Mediator_innen ist es wichtig, passende Entscheidungen darüber zu treffen (und unpassende zu widerrufen), wen sie „glauben“, vor sich zu haben. Und selbst wenn manche ernsthaft glauben, jeden Menschen doch ganz individuell wahrzunehmen und zu begegnen, erscheint es ein Gebot der Professionalität, dennoch nach den eigenen, persönlichen Mustern Ausschau zu halten. Wir alle routinieren uns (=lernen!) auch in den Begegnungen mit Menschen – und ruinieren sie, wenn wir ungeprüft annehmen, musterfrei darin zu sein bzw. zu bleiben.

Dass wir Mediator_innen (=Menschen!) in der Lage sind, unsere Vorannahmen bewusst zu machen und zu reflektieren und ggf. neu zu entscheiden, ist dabei schon ein spezifischer Ausdruck meines Menschenbildes…

Unsere Muster bzw. grundlegenden Entscheidungen beeinflussen unser Denken, Fühlen und Verhalten gegenüber den Mediant_innen beeinflussen. Dies wirkt zurück, welche Erfahrungen sie mit Ihnen machen werden. Und diese Erfahrungen ihrerseits werden abermals anhand des eigenen, d.h. eigenverantwortlich beschlossenen Menschenbildes abgeglichen werden – und es gegebenenfalls beeinflussen. Mediant_innen, Konfliktparteien, Menschen schlechthin sind also nicht einfach so wie sie sind, sondern wirken auf Mediator_innen „entlang“ des Menschenbildes. Der Volksmund drückt das einfacher aus: „Wie man in den Wald hineinruft, schallt es heraus!“ – unklar und unbefriedigend bleibt aber die Frage, ob und wenn ja, wie man hineinruft, wenn es herausschallt?!

Transaktionsanalyse

Mir geht es im Folgenden nicht darum, ein verbindliches Menschenbild für die Mediation zu entwerfen und Euch vorzusetzen, sondern ein m.E. hilfreiches Menschenbild vorzustellen, das für die Arbeit von Konfliktvermittler_innen hilfreiche Dienste zu leisten in der Lage ist und das in Beratungssituationen und Prozessbegleitungen hinreichend bewährt ist: das transaktionsanalytische Menschenbild.

Philosophische Verortung des Menschenbildes der Transaktionsanalyse

Das Menschenbild der TA wurzelt in der Humanistischen Psychologie bzw. dem philosophischen Existenzialismus. Besonders bei J.-P. Sartre, S. Kirkegaard und K. Jaspers lassen sich die Verbindungen erkennen, wenn auch die Literatur zur Transaktionsanalyse vor allem auf die dialogische Philosophie von Martin Buber (1878 – 1965) rekurriert. Das dürfte mit dem identischen Kernthema zu erklären sein, der auch das Trans-Aktionale und damit das dialogische Prinzip für maßgebend erklärt: Der Mensch wird am Du zum IchDieses existenzialistische Menschenbild etablierte sich in der Humanistischen Psychologie des vergangenen Jahrhunderts neben den bereits ausformulierten Psychologierichtungen der Tiefenpsychologie und des Behaviorismus‘. Innerhalb der Humanistischen Psychologie formierten sich jedoch unterschiedliche Strömungen:

  • die Transpersonale Psychologievertreten von A. Maslow
  • die Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie von K. Rogers,
  • die Gestalttherapie von F. Perls sowie
  • die von Eric Berne maßgeblich entwickelte Transaktionsanalyse.

Kernelement des transaktionsanalytischen Menschenbildes ist die Autonomie des Menschen.

Zuvorderst ist damit eine grundsätzliche Wahl- und Entscheidungsfreiheit des Menschen gemeint, seinem Leben Gestalt zu geben. Daraus erwächst ihm als Individuum (=unteilbare Einheit) auch eine Entscheidungsnotwendigkeit.

Diese Autonomie ist einerseits Voraussetzung von Vermittlungstätigkeit, zugleich aber auch Ziel, vor allem transaktionsanalytisch fundierter Prozessberatung bzw. Konfliktbegleitung: Menschen kooperieren auf der Basis ihrer Eigenverantwortlichkeit  (auch im Konflikt) und verhelfen sich gegenseitig zu verstärkter Wahrnehmung eben dieser Eigenverantwortlichkeit (durch den Konflikt und seine konstruktive Bearbeitung).

Diese Autonomie-Konzeption der Transaktionsanalyseauf die an anderer Stelle näher einzugehen sein wird, erscheint dabei zunächst mit grundlegenden Dilemmata behaftet:

Wie können konfliktbeteiligte Personen begleitet und vermittelt werden, ohne sie

  • erstens in ihrer Autonomie zu verletzen und
  • zweitens, sie in ihrer Autonomiewahrnehmung und -ausgestaltung zu stärken.

Grundannahmen der Transaktionsanalyse

Transaktionsanalytisch fundierte Beratung ist Ausdruck von vier ineinandergreifender Grundannahmen über Menschen. Sie sind der Bezugsrahmen der Transaktionsanalyse, ihr Kern, der das Hilfs- und Beratungsangebot ausmacht:

1. Die Menschen sind in Ordnung 

 The trail does not teach you who you are.

It can just teach you to accept who you are!  

(Leitspruch der Thruhiker)

Mit uns Menschen hat es schon seine Richtigkeit. Wir sind kein Fehler der Natur, und auch nicht ihre Katastrophe. So wie wir Menschen sind, sind wir schon in (der?) Ordnung und wir kommen mit Anlagen auf die Welt, die uns grundsätzlich kooperativ und sozial sein lassen können – auch wenn wir uns nicht immer so benehmen.

Die Forschungen der Neurobiologie der vergangenen Jahre weist ebenso in die Richtung, weshalb sie innerhalb der „transaktionsanalytischen Szene“ auf großes Interesse gestoßen sind. Gleichwohl erscheinen die kulturhistorischen Entwicklungen, z.B. des Vorkommens und des Ausmaßes von Gewalt, ein Zeichen dafür zu sein, dass (auch) diese Sichtweise das Ergebnis eines langen Entwicklungsweges sind und keineswegs „gott- oder naturgegeben“. Vielmehr zeigt die „Geschichte der Gewalt“ (Pinker, 2013) einen überaus optimistisch stimmenden Weg auf, den wir alle bisher beschritten haben. (Ehrlich, wenn ich mal angesichts der Tagesnachrichten schlechte Laune bekomme, dann stöbere ich in diesem Buch von Pinker und relativiere meine mentale Kurzsichtigkeit, indem ich meine biologische beanspruche…es lohnt sich immer.)

Nach transaktionsanalytischer Vorstellung „kommt jedes normale menschliche Kind mit der Fähigkeit auf die Welt, seine Möglichkeiten zu seinem und zum Vorteil der Gesellschaft zu entwickeln“.  Jeder Mensch ist zwar in der Lage, schlimme Dinge zu tun (=Verhalten!). Wir können andere verletzen, quälen, gar töten. Seinen Wert als Mensch geht der Mensch aber nicht dadurch verloren (vgl. etwa Art. 1 Abs. 3 Grundgesetz, Verbot der Todes- sowie der lebenslangen Haftstrafe). Er bleibt in seiner Einzigartigkeit jedoch wertvoll und Respektsperson. Dabei ist davon auszugehen, dass jeder Mensch grundsätzlich in der Lage ist, sein Verhalten anzupassen und entsprechend zu ändern.

Die Transaktionsanalyse differenziert damit deutlich zwischen dem Menschsein als solchem und dem einzelnen menschlichen Verhalten. Das führt konsequenterweise dazu, dass Verhalten nicht per se Ausdruck der Persönlichkeit ist. Es ist z.B. auch kontextabhängig, was gerade für die Bearbeitung von Konflikten, v.a. in Organisationen bedeutsam ist.

Der Mensch wird nicht als Einzelwesen gedacht, sondern stets in Bezug zu anderen und damit als soziales Wesen. Das erscheint gerade für Mediationen der Wert transaktionsanalytischer Fundierung – es ist eben eine Trans-Aktions-Analyse, nicht eine Psycho-Analyse.

2. Der Mensch fühlt, denkt und handelt entsprechend

– Jeder Mensch kann denken, auch wenn er es nicht tut. –

Abgesehen von schweren Körperschädigungen, verfügt jeder Mensch über die Fähigkeit zu fühlen und zu denken und entsprechend zu handeln. Diese Annahme findet sich etwa in der Theorie der Ichzustände wieder, die kohärente Muster dieser drei Dimensionen sind.  Die Stimulierung der einzelnen Dimensionen – vermittelt über seine Sinnesorgane –  ermöglichen ihm, die Welt zu erfahren, sich ein Bild von ihr zu machen (Konstruktivismus als Erkenntnistheorie!), durch diese Welterfahrung zu lernen und sich selbst in ihr, d.h. zusammen mit anderen Menschen zu entwickeln. Das begründet eine Lern- und Entwicklungsbereitschaft.

Diese Lern- und Entwicklungsbereitschaft findet im Spannungsfeld von Ich-Bezogenheit und Du-bzw. Weltbezogenheit statt, ist ein ständiger Prozess zwischen Selbstverwirklichungs- und Anpassungstendenzen – zwischen Wachsen und Überleben.

Maßgebend ist dabei jedoch, dass die Selbstverwirklichung in der Bezogenheit zu anderen erlebbar wird. So wie die eigene soziale Angepasstheit in der reflektierenden Zurückgezogenheit aufzuscheinen beginnt. Das eine kann nicht zu Lasten des anderen überbetont werden, sondern beide Pole bedingen sich einander. Dies begründet in der transaktionsanalytischen Konzeption die Entscheidungsfreiheit und -notwendigkeit des Menschen, wie er seine (Lebens-)Zeit verbringt.

3. Der Mensch kann entscheiden und kann Entscheidungen widerrufen

– Wer nicht auf der Strecke bleiben will, muss ab und zu vom Wege abweichen. –

Die Konzepte und Modelle der Transaktionsanalyse haben ein weiteres verbindendes Element, das im Menschenbild seinen Ursprung aufweist: Menschen entscheiden (bewusst oder unbewusst) über Ihre Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen. Sie sind stets das Resultat einer grundsätzlich vorhandenen Wahlmöglichkeit.

Weder Gedanken und Gefühle, noch Verhaltensweisen sind linear-kausal von Außen und unabhängig vom betroffenen Menschen verursacht, sondern bedürfen stets einer (wenn auch unbewussten) „zustimmenden“ Entscheidung des Betroffenen.

Dieser Entscheidungsbegriff ist umfassender als im Alltagsgebrauch zu verstehen und kennt nur eine Ausnahme: Der Mensch kann nicht entscheiden, nicht zu entscheiden, solange er lebt. Er muss entscheiden, wie er fühlend, denkend und handelnd auf den Verlauf seines Lebensvollzugs reagiert. Diese Notwendigkeit zur Entscheidung ist unumgehbar, nicht verhandelbar und damit der menschlichen Entscheidungsgewalt entzogen.

Die transaktionsanalytische Beratung fusst letztlich auf der Annahme, dass es auch eine „Entscheidung“ ist, sein Leben jenseits des Bewusstseins über diese „Tatsache“ zu verbringen – und dass diese Entscheidung überprüf- und widerrufbar ist.

Angesichts dessen, dass diese Grundannahme der Transaktionsanalyse ihrerseits eine Grundentscheidung ist, lässt sie sich hervorragend für rekursive und selbstreflexive Überlegungen heranziehen. Oder anders ausgedrückt: Auch wenn sich hier die Katze in den Schwanz zu beißen scheint, so entwickelt dieser Biss doch die Stärke der transaktionsanalytischer Beratungs- und Vermittlungstätigkeit: Es ist auch dort auf die menscheneigenen Kräfte zu setzen ist, wo angesichts der System- und Umweltkräfte Hoffnungslosigkeit als Verführung erscheint.

4. Der Mensch strebt nach Autonomie

– Wir müssen den Spatz aus der Hand lassen,

damit die Taube vom Dach ihren Platz findet. –

Wenn Leben für das transaktionsanalytischen Menschenbild Entscheiden heißt, dann sind diese Entscheidungen Ausdruck sowohl der eigenen Freiheit als auch der eigenen Gebundenheit. Das eigene Leben als Antwort auf die Überlebens- und Gestaltungsfragen bedeutet, dass Verantwortung die Frage nach der Qualität der Antworten in sich birgt.

Des Menschen streben nach Autonomie stellt sich als das Streben nach Aktualisierung und Belebung seiner Autonomie dar, als wahrnehmbare Möglichkeit, sich in seiner Autonomie fühlend und denkend zu erleben.

Die Vorstellung, dass der Mensch grundsätzlich nach Stärkung seiner Autonomie aufgrund seiner Autonomie strebt, entpuppt sich als Spitze einer zutiefst optimistischen und menschenfreundlichen Konzeption vom Menschen, die ihn dennoch zurückwirft auf sich selbst – zwar allein, aber als soziales Wesen.

Die postulierte Autonomie und das Streben nach ihr, sind stets als eine „bezogene Autonomie“ (Schlegel) zu verstehen. Dass wir Menschen tatsächlich Beziehungswesen sind, unterstützen die jüngsten Forschungen der Neurobiologie. Sie attestieren uns ein sog.  „social brain“ (Inse und Russel), das unsere gesamte psychische und physische Verfasstheit auf gelingende Beziehungen zu anderen, vor allem menschlichen Lebewesen, einstellt. Durch die drei K, Kommunikation, Kooperation und Kreativität, wachsen wir und aktualisieren wir unser Autonomiebestreben.

 

Autonomie Transaktionsanalyse

 

Ein Kommentar

  1. Kerstin Heimberg 17. April 2017 at 11:01 - Antworten

    Das, wie es der Volksmund einfacher ausdrückt: „Wie es in den Wald hineinruft, so schallt es auch heraus!“ habe ich als Resonanzgesetz kennen gelernt, mal mehr und mal weniger angewandt. Deshalb bleibt wohl auch die Frage, wie man tatsächlich hineinruft, wenn es heraus schallt.

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