Auftaktfragen für die Mediation und in Organisationsmediationen

Was zu erfragen ist, wenn Mediation angefragt wird.

Sowas wie eine Checkliste.

Mit Checklisten ist es so eine Sache. Sie helfen, den Überblick in komplexen, kognitiv überfordernden Situationen zu behalten. Und Sie schränken ein, sperren Kreativität und Spontaneität aus – vor allem in sozialen Situationen, die letztlich nicht berechenbar sind.

Doch diese Wirkungen sind zumeist in der Zeit verteilt. Beginner*innen unterstützen Checklisten, alle anderen benötigen sie kaum mehr.

Kurz; der folgende Post richtet sich vor allem an angehende Mediator*innen, Beginner*innen im Feld der Konfliktbearbeitung mit den konkreten anwesenden Konfliktparteien.

I. Anwendungsgebiet und Anwendungszeitraum

Zunächst einmal will ich verschiedene Konstellationen erläutern, die ein je spezifisches Vorgehen nahelegen.

  • Da gibt es die geradewegs klassische private Einzelinitiative in einem privaten, organisationsfernen Konflikt. Zwei Parteien befinden sich in einem Konflikt, in dem zumindest eine Partei die Ahnung hegt, eine professionelle, externe Person müsse und könne helfen. In diesem Falle wird ein Mediator gegoogelt, gesucht und kontaktiert, zuweilen direkt angerufen oder zumindest via E-mail angeschrieben.
  • Zuweilen ruft auch eine neutrale, beauftragte Organisationsperson an, die selbst nicht Konfliktpartei ist. Das mag die zuständige Stelle in der Personal- bzw. Human Ressources-Abteilung sein oder die Abteilungs- oder Geschäftsleitung persönlich. Sodann geht es um einen „Konfliktherd“ in der Organisation, der zumeist schon eine Weile besteht und bekannt ist. Nun sei es aber an der Zeit, einzugreifen oder was auch immer den Anlass bot, externe Konfliktunterstützung anzufragen.
  • Zuweilen meldet sich auch eine Konfliktpartei aus der Organisation. In diesen Fällen ist ein spezielles Vorgehen angezeigt, um die Möglichkeiten der Mediation zu wahren und nicht zu vorschnelles Agieren zu reduzieren.

1. Private Einzelinitiative fragt nach Mediation

Diese Konstellation ist fast schon klassisch. Eine Konfliktpartei möchte die gegenwärtige Situation verändern und geht auf die Suche nach vermittelnder Unterstützung, hat sich bereits zum Thema Mediation informiert, ein paar Nächte lang gegoogelt oder sich den Rat einer Freundin zu Herzen genommen und kontaktiert nun eine Mediatorin.

Welche Fragen sollten in dem ersten Gespräch in jedem Falle angesprochen und vielleicht schon geklärt werden? Was ist nötig, um einschätzen zu können, ob man für die Konfliktparteien mit seinen Mediationskompetenzen hilfreich sein kann?

Die Empfehlung lautet nicht, diese Fragen der Reihe nach einfach zu stellen, sondern in ein atmosphärisch stimmiges Gespräch einzuflechten und die Antworten (für sich) zu sammeln.

Praxistipp: Zuweilen braucht es nicht einmal die konkrete Fragestellung, weil die Anruferin bereits die Antwort von sich aus liefert oder Gespräch anderweitig dahin gelangt. Haben sie bestimmende Geduld!

  • Einstiegsfragen
    • Wie kann ich Sie unterstützen?
    • Aus welchen Gründen kommen Sie zu mir?
    • Was gab den Ausschlag, genau jetzt Unterstützung aufzusuchen?
  • Konflikt
    • Was sind Eckdaten des Konflikts für Sie? (Parteien, Streitpunkte, die zumeist abgelehnte Lösungsideen sind, Dauer)
    • Was ist bisher unternommen und versucht worden, um die Situation Ihrer Meinung nach zu bereinigen?
    • Aus welchem guten Grunde gerade jetzt diese Anfrage? Warum nicht eher/später?
  • Konfliktlösungsansätze?
    • Weiß die gegnerische Konfliktpartei von dem Wunsch nach einer Konfliktvermittlung?
    • Weiß die gegnerische Konfliktpartei von dieser Initiative und Kontaktaufnahme?
    • Handeln Sie im miteinander abgestimmten Auftrag?
    • Wer muss noch informiert werden?
  • Konfliktlösungsansatz: Mediation
    • Welche Sorgen und Befürchtungen oder auch Hoffnungen und Wünsche tauchen bei Ihnen und ihrem Konfliktpartner auf, wenn Sie an eine Mediation (mit mir) denken? (im Gespräch aufgliedernd fragen!)
    • Was müssen Sie von mir noch wissen, um mit mir arbeiten zu können?
    • Wer muss Ihrer Ansicht nach eingeladen werden?
    • Wer könnte noch zu einer Lösung etwas beitragen?
  • Erstkontaktausgänge
    • Nächste Schritte?
    • Angenommen, das klappt gut mit uns. Was hat sich für Sie konkret geändert? Was glauben Sie hat sich für Ihren Konfliktgegner bzw. -partner konkret geändert?
    • Wer informiert die gegnerische Konfliktpartei?

2. Beauftragte neutrale Organisationsperson fragt Mediation an

  • Wie kann ich Sie unterstützen?
  • Aus welchen Gründen kommen Sie zu mir?
  • Was gab den Ausschlag, genau jetzt Unterstützung aufzusuchen?
  • Was muss ich als externer Mediator wissen, um Ihnen (beiden) hilfreich zu sein?
  • Wer weiß in der Organisation/Familie/Verein etc. von Ihrer Kontaktaufnahme bei mir bzw. Ihrem Anruf bei mir?
  • Handeln Sie im Auftrag und mit Wissen – von wem?
  • Wen müsste ich im Anschluss kontaktieren in Ihrer Organisation, der dieses Vorgehen formal rahmen kann?
  • Welche Sorgen, Hoffnungen, Befürchtungen oder Wünsche tauchen bei dem Gedanken auf, dass ich Sie bei Ihrer Konfliktklärung unterstützen werde?
  • Was ist bisher noch unternommen und versucht worden, um die Situation Ihrer Meinung nach zu bereinigen?
  • Was passiert, wenn die Mediation nicht erfolgreich ist? 

  • Angenommen, das klappt gut mit uns. Was hat sich für Sie konkret geändert? Was glauben Sie hat sich für Ihren Konfliktgegner bzw. -partner konkret geändert?
  • Was soll – möglichst – nicht geschehen?
  • Wer muss noch informiert werden?
  • Wer müsste späterhin mit am Mediationstisch sitzen?
  • Wer könnte noch zu einer Lösung etwas beitragen?
  • Ist ein Budget bei der zuständigen Organisationsstelle bereitgestellt?
  • Was müssen Sie von mir noch wissen, um mit mir arbeiten zu können, …um mit mir den nächsten Schritt gehen zu können?
  • In welcher Form benötigen Sie ein Angebot von meiner Seite?
  • Was wäre für Sie unser nächster Schritt?

3. Konfliktpartei einer Organisation fragt nach Mediation

Zuweilen ruft eine der involvierten Konfliktparteien direkt an, um „mal vorzufühlen“ oder „einfach aktiv zu werden“. In diesem Falle erscheint es empfehlenswert, das Gespräch kürzer zu halten und den Kontakt zu der zuständigen Stelle zu ermöglichen.

  • Was muss ich als externer Mediator wissen, um Ihnen (beiden) hilfreich zu sein?
  • Wer weiß in der Organisation/Familie/Verein etc. von Ihrer Kontaktaufnahme bei mir bzw. Ihrem Anruf bei mir?
  • Handeln Sie im Auftrag und mit Wissen – von wem?
  • Welche Sorgen, Hoffnungen, Befürchtungen oder Wünsche tauchen bei dem Gedanken auf, dass ich Sie bei Ihrer Konfliktklärung unterstützen werde?
  • Wen müsste ich im Anschluss kontaktieren in Ihrer Organisation, der dieses Vorgehen formal rahmen kann?

Sie vermissen eine wesentliche Frage oder fragen sich, ob nicht noch dieses oder jenes angesprochen werden könnte, müsste oder sollte?

Dann schreiben Sie mir direkt unter s.weigel@inkovema.de oder hier in die Kommentare Ihre Frage oder Ihre Anmerkung.

Vielen Dank!

Sascha Weigel