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INKOVEMA-Podcast „Gut durch die Zeit“

#277 GddZ

Wütende Männer, vergessene Jungen

Konfliktpotenziale im Zuge gesellschaftlicher Aufmerksamkeitsverschiebung und abwertender Deutungsmuster

Im Gespräch mit Eva Ladipo

Eva Ladipo, geboren 1974, studierte Politische Wissenschaften in Cambridge und wurde mit einer Arbeit über das russische Steuersystem promoviert.

Sie hat in Russland, Kolumbien und in den USA gearbeitet und wohnt heute mit ihrer Familie in London. Sie schreibt regelmäßig für deutsche Zeitungen.

Journalistische Positionen als Redakteurin, Ressortleiterin und Korrespondentin bei der F.A.Z., „Financial Times Deutschland“, „Vanity Fair“, „Financial Times“ und „Die Welt“. Ihr erster Roman „Wende“ ist bei Picus erschienen, ihr zweiter „Räuber“ bei Blessing. Sie hat in Russland, Kolumbien und in den USA gearbeitet, bevor sie in Großbritannien gelandet ist. Verheiratet, zwei Kinder.

Ihr Buch „Not am Mann. Die Erfindung der toxischen Männlichkeit“ erschien 2026 bei Reclam.

Inhalt

Kapitel:

Chapters

0:05 – Einstieg ins Männerthema
3:12 – Trumps Männer und Protestwahl
7:33 – Schubladen statt Charakter
11:24 – Defensivreaktion auf Vorurteile
13:58 – Ursprung der toxischen Männlichkeit
17:27 – Was macht einen Mann aus?
20:04 – Der Druck auf junge Männer
23:21 – Verunsicherung im Arbeitsleben
25:33 – Männer verlieren an Anerkennung
29:04 – Materielle Ursachen der Wut
31:52 – Toxisch im falschen Moment
34:41 – Die Allianz von Mann und Frau
35:50 – Ungleiche Chancen bei Bildung
37:41 – Hoffnung auf neue Debatte

Zusammenfassung

In dieser Folge spreche ich mit der Autorin Eva Ladipo über das Deutungsmuster „Mann“ als Problemfigur in Konflikten, in der Öffentlichkeit und im Arbeitsleben. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Männer zunehmend nicht mehr über Rolle, Charakter oder konkrete Situation beschrieben werden, sondern pauschal als Ursache von Schwierigkeiten. Dabei haben Männer dreifach verloren: wirtschaftlich, kulturell und politisch.

Ich spreche mit Eva Ladipo über ihr Buch „Not am Mann. Die Erfindung toxischer Männlichkeit“. Sie erklärt, dass die Debatte um männliche Wut und Abwendung von der gesellschaftlichen Mitte auch durch politische Entwicklungen wie die Wiederwahl von Donald Trump und hohe Stimmenanteile junger Männer für Protestparteien angestoßen wurde.

Ein Schwerpunkt liegt auf der Frage, warum besonders junge Männer unter Druck stehen und weshalb sie den populistischen Brandstiftern verfallen. Wir besprechen, dass materielle Bedingungen schwieriger geworden sind, etwa durch unsichere Jobs, niedrigere Einkommen, hohe Wohnkosten und stärkere soziale Ungleichheit, was bereits der Ökonom Branko Milanović 2008 mit seiner Elefantenkurve beschrieben hat. Zugleich sind Frauen heute weniger auf Männer angewiesen, was die Erwartungen an Männer als Versorger verändert.

Wir gehen auch auf die Wirkung des Begriffs „toxische Männlichkeit“ ein. Ladibo beschreibt ihn als ursprünglich medizinischen Begriff, der heute oft als pauschale Verurteilung von Männern verstanden werde. Sie warnt davor, ganze Gruppen moralisch abzuwerten, weil das zu Abwehr und Verhärtung führen kann.

Am Ende sprechen wir über Reaktionen auf das Buch und darüber, dass das Thema in Deutschland noch zurückhaltend aufgenommen werde. Zugleich sehen wir Anzeichen, dass die Diskussion über Jungen, Männer und ihre Rolle stärker in den Blick kommt.

Die Elefantenkurve (elephant chart) ist eine vom Ökonomen Branko Milanović entwickelte Grafik, die das weltweite Einkommenswachstum zwischen 1988 und 2008 darstellt. Sie zeigt, wer von der Globalisierung profitiert hat und wer nicht, und hat durch ihre Form – die an einen Elefanten erinnert – Berühmtheit erlangt.

Milanovićs Grafik erlangte weltweite Berühmtheit, weil sie eine ökonomische Erklärung für politische Umbrüche im Westen lieferte. Die wirtschaftliche Stagnation und die Abstiegsängste der westlichen Mittelschicht (der „Trog" der Kurve) gelten als Hauptursachen für den Erfolg von populistischen Bewegungen, den Brexit und die Wahl von Donald Trump.

Die Grafik zeigt ein fundamentales Paradoxon der Globalisierung: Während die Ungleichheit zwischen den Ländern der Erde abnahm (da Asien aufholte), verschärfte sich die Ungleichheit innerhalb der westlichen Industrienationen massiv.

Im Einzelnen:

  • Der Körper (Die Ärmsten): Am ganz linken Rand (ca. 0 bis 10 Prozent) stagniert die Kurve auf niedrigem Niveau. Die ärmsten Menschen der Welt – primär in afrikanischen Ländern südlich der Sahara – erlebten kaum nennenswerte Einkommenszuwächse und blieben abgehängt.
  • Der Rücken (Die Globalisierungsgewinner): Bei den Perzentilen 40 bis 60 steigt die Kurve massiv an (bis zu 70–80 % Zuwachs). Dies repräsentiert die aufsteigende Mittelschicht in Asien, insbesondere in China und Indien. Hunderte Millionen Menschen wurden hier durch die Industrialisierung aus der extremen Armut geholt.
  • Das Tal (Die westliche Arbeiterschaft): Um das 80. Perzentil fällt die Kurve dramatisch ab und nähert sich fast der Null-Linie. Dies ist die untere Mittelschicht und Arbeiterschaft der westlichen Industrieländer (Europa und USA). Ihre Reallöhne stagnierten über zwei Jahrzehnte hinweg, da Produktionsarbeitsplätze nach Asien verlagert wurden.
  • Der Rüssel (Die globale Elite): Am äußersten rechten Rand (das oberste 1 Prozent) schießt die Kurve senkrecht in die Höhe. Die globalen Superreichen und Spitzenverdiener konnten ihr ohnehin immenses Vermögen und Einkommen in der Ära der Globalisierung noch einmal drastisch vervielfachen.
  • Galloway, Scott: Notes of being a man. How to address the masculinity crisis, build mental strength and raise good sons, 2025.
  • Ladipo, Eva: Not am Mann. Die Erfindung der toxischen Männlichkeit, Suhrkamp 2026.
  • Milanović, Branko:  Die ungleiche Welt. Migration, das Eine Prozent und die Zukunft der Mittelschicht. Suhrkamp, 2020.
  • Reeves, Richard V.: Of Boys and MenWhy the modern male is struggling, why it matters, and what to do about it. 2022.
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