#275 GddZ – Verhandlungslehre. Teil 6 – Der Harvard-Verhandlungsansatz. Im Gespräch mit Dr. Jörg Schneider-Brodtmann

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#275 GddZ

Verhandlungslehre. Teil 6

Der Harvard-Verhandlungsansatz.

Die akademisch getriebene Verhandlungsrevolution,

die die Moderne Mediation maßgebend geprägt hat.

In conversation with Dr Jörg Schneider-Brodtmann

Rechtsanwalt, Verhandlungsexperte und Mediator; studierte Rechtswissenschaften in Tübingen, Genf/Schweiz, Heidelberg; Master of Laws (Mediation und Konfliktmanagement), Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder). Anwalt des Jahres für Technologierecht, Handelsblatt / Best Lawyers 2022 und 2024; Empfohlen für IT- und Technologierecht, Handelsblatt / Best Lawyers 2022, 2023 und 2024; Empfohlen für Data / Information Technology, Who’s Who Legal Global und Germany 2022 und 2023; gilt als einer der renommiertesten Anwälte für IT-Recht, WirtschaftsWoche 34/2019.

Kleine Reihe: Verhandlungslehre. Teil 6

Contents

Chapter:

Summary

In dieser Folge sprechen wir über Verhandlungsansätze mit besonderem Fokus auf das Harvard-Modell und seine Bedeutung für Mediation und Verhandlungspraxis. Wir klären, warum Mediatorinnen und Mediatoren Grundwissen über Verhandlungsmodelle brauchen und warum Mediation häufig auch Verhandlung enthält.

Wir ordnen das Harvard-Konzept historisch ein und sprechen über seinen Ursprung an der Harvard University, seine Verbindung zu politischen Verhandlungen und zur Mediation sowie die Entwicklung rund um „Getting to Yes“. Dabei geht es um die Frage, wie aus einem wissenschaftlich-praktischen Ansatz eine einflussreiche Schule des Verhandelns wurde.

Im Mittelpunkt stehen die vier Grundprinzipien:

  • Person und Sache trennen,
  • Interessen statt Positionen in den Blick nehmen,
  • Optionen zum beiderseitigen Vorteil entwickeln und
  • objektive Kriterien für die Verteilung nutzen.

Wir besprechen jeweils, warum diese Prinzipien kontraintuitiv wirken und wie sie in Konflikten, Vertragsverhandlungen und Mediationen praktisch helfen. Außerdem sprechen wir über die Grenzen des Ansatzes und über die BATNA als Nicht-Einigungs-Alternative. Wir ordnen das Harvard-Modell nicht als bloßes Nachgeben ein, sondern als kooperativen Verhandlungsansatz, der auch mit anderen Modellen verglichen werden kann.

Einführung in den Harvard Verhandlungsansatz

Chapter: Ausgangspunkt – Das Problem mit dem kompetitiven Verhandeln

Das intuitive, kompetitive Verhandeln ist die älteste und verbreitetste Form — beide Seiten beginnen mit Maximalpositionen, ringen um Konzessionen, und einigen sich irgendwo in der Mitte. Das Ergebnis ist strukturell immer ein Kompromiss auf der Kompromisslinie zwischen den Ausgangspositionen. Eine Wertschöpfung findet dabei nicht statt — und viele bessere Lösungen, die außerhalb dieser Linie liegen, werden nie gesehen.

Das Harvard-Konzept (Fisher/Ury/Patton, Getting to Yes) wurde entwickelt, um genau dieses Scheitern zu überwinden. Es ist das theoretische Fundament des kooperativen Verhandelns.

Der Harvard-Dreiklang: Position – Interesse – Option

Das Herzstück des Ansatzes ist die Unterscheidung zwischen drei Ebenen:

Position ist das, was eine Partei demands — die bezogene Verhandlungsstellung. Positionen sind in der Regel starr und stehen sich direkt gegenüber.

Interest in ist das, was eine Partei wirklich will — der Grund hinter der Position. Hinter einer Position können mehrere, unterschiedliche Interessen stecken. Der entscheidende Schritt ist das Aufdecken dieser Interessen durch Nachfragen.

Option ist eine konkrete Lösungsmöglichkeit, die ein Interesse befriedigt — ohne notwendigerweise die ursprüngliche Position zu erfüllen. Aus einem Interesse lassen sich in der Regel mehrere Optionen entwickeln.

Example: Position: „80 % Anzahlung.“ Dahinter können sehr unterschiedliche Interessen stecken — Angst vor Zahlungsausfall, Liquiditätsbedarf, Finanzierungsbedarf für Rohstoffe. Je nach Interesse entstehen völlig andere Optionen: Bankgarantie, erweiterter Eigentumsvorbehalt, Bonitätsauskunft.

Die Logik: Je mehr Optionen auf dem Tisch liegen, desto wahrscheinlicher findet sich eine, die beide Seiten zufriedenstellt. Der Verhandlungskuchen wird zunächst vergrößert, bevor er aufgeteilt wird.

Die vier Prinzipien des Harvard-Konzepts

  • Prinzip 1: Hart in der Sache, weich zu den Menschen Menschen und Verhandlungsgegenstände müssen getrennt werden. Sachliche Härte auf der Inhaltsebene kombiniert mit Respekt und Wertschätzung auf der Beziehungsebene.
  • Prinzip 2: Interessen statt Positionen verhandeln Nicht die bezogene Forderung, sondern das dahinterliegende Interesse ist der eigentliche Verhandlungsgegenstand. Wer Interessen offenlegt, schafft Raum für kreative Lösungen.
  • Prinzip 3: Neutrale Standards anwenden Wenn reine Interessenoffenlegung nicht ausreicht — weil es sich um einen echten Verteilungskonflikt handelt — braucht man einen fairen, von beiden Seiten anerkannten Maßstab zur Aufteilung: Marktwert, Gutachten, gesetzliche Regelung, Branchenstandard.
  • Prinzip 4: Das eigene BATNA kennen und verbessern BATNA = Best Alternative To a Negotiated Agreement — die beste Alternative für den Fall, dass keine Einigung zustande kommt. Das BATNA ersetzt die subjektive „Schmerzgrenze“ durch eine objektive Messlatte: Eine Einigung ist nur dann sinnvoll, wenn sie besser ist als das eigene BATNA. Wer ein starkes BATNA hat, verhandelt aus einer stärkeren Position — weil er weniger auf eine Einigung angewiesen ist. Deshalb empfiehlt das Harvard-Konzept, das BATNA before der Verhandlung bewusst zu machen und wenn möglich aktiv zu verbessern.

Grenzen des Ansatzes

Das Harvard-Konzept ist kein Allheilmittel. Bei reinen Verteilungskonflikten — wenn beide Seiten um exakt dasselbe knappe Gut ringen — bringt die Interessenoffenlegung wenig. Dann kommt man an einen distributiven Kern, der sich auch mit Harvard nur durch faire Aufteilungsmaßstäbe (Prinzip 3) lösen lässt. Und auch wenn das Modell theoretisch überlegen ist, ist die Umsetzung anspruchsvoll: In einer bereits eskalierenden Verhandlung fallen viele Beteiligte intuitiv in kompetitive Muster zurück.


Classification

Dimension Kompetitives Verhandeln Harvard concept
Logic Verteilung eines fixen Kuchens Vergrößern + fairer Teilen
Focus Positions Interests
Result Kompromiss auf der Mittellinie Drittlösung möglich
Relationship Gegnerschaft Gemeinsame Problemlösung
Scale Ausgangsforderung BATNA

Möchtest du als nächstes tiefer in eines der vier Prinzipien einsteigen, oder soll ich ein HTML-Referenzdokument dazu erstellen?

Summary

I

Mensch und Problem trennen
Prinzip 1: Hart in der Sache, weich zu den Menschen
02 Interessen statt Positionen
Prinzip 2: Interessen statt Positionen verhandeln.
03 Neutrale Standards
Prinzip 3: Neutrale Standards anwenden.
03 Win-win-Lösung erstereben
Prinzip 3: Entwickeln Sie eine Lösung, die zum beiderseitigen Vorteil führt.
  • Fisher, Roger/ Ury, William/ Patton, Bruce: Das Harvard-Konzept. Der Klassiker der Verhandlungstechnik. Original 1981 „Getting to Yes“, Frankfurt am Main, Sonderausgabe 2006.
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