[0:00] Heute spreche ich mit Miriam Wiedemann zu ihrem Beitrag in der Konfliktdynamik Die vergessene Zielgruppe, warum wir über radikalisierte Ältere sprechen müssen, der ein Phänomen in den Blick nimmt, das bisher, unterbeleuchtet war, nämlich, dass sich ältere Personen, wie 50, mein Alter, radikalisieren, vor allen Dingen digital getrieben, in vielerlei Hinsicht, politisch, verschwörungstheoretisch, gesundheitspolitisch etc.
[0:31] Und immer weiter hinabschlittern in eine Filterblase, die diese Radikalisierung letztlich dann selbst verstärkt. Hört euch das Gespräch an und schaut euch den Beitrag auf der Webseite vom NOMOS-Verlag an. Der Beitrag ist verlinkt und kann die ersten Wochen kostenfrei eingesehen werden. Der Verlag wird den Beitrag freischalten. Und jetzt geht’s los mit dem Podcast. Herzlich Willkommen zum Podcast Gut durch die Zeit. Der Podcast ist rund um Mediation, Konfliktcoaching und Organisationsberatung. Ein Podcast von INKOVEMA. Ich bin Sascha Weigel und begrüße Sie zu einer neuen Folge. Und die heutige Folge soll sich mit einem Phänomen beschäftigen, das noch gar nicht so bekannt ist. Aber wichtig in den Blick zu bekommen und zu beobachten und dann auch zu gucken, was macht man damit. Und dafür habe ich mir eine ganz kompetente Expertin eingeladen, Frau Miriam Wiedemann. Frau Wiedemann, hallo. Hallo, freut mich.
[1:32] Und um das Thema zu benennen und gar kein Geheimnis draus machen, es geht um radikalisierte ältere Personen. Da stecken schon zwei Konkretisierungen drin, also Radikalisierung, was ist da sozusagen in den Blick zu nehmen und, ältere Personen, das scheint was Besonderes zu sein und auch in nennenswertem Umfang, sodass Sie und Ihre Kollegin auch eine Publikation schon im letzten Jahr veröffentlicht haben und darauf basierend jetzt auch in der Fachzeitschrift Konfliktdynamik einen Aufsatz, einen Fachaufsatz für die Bearbeitung in den unterschiedlichsten Settings dieses Thema hinzubekommen.
[2:11] Frau Wiedemann, Und zunächst mal, wie kommen Sie zu dem Thema radikalisierte ältere Personen? Das hat mit unserer Arbeit zu tun. Die Frau Dr. Pohl und ich, wir waren lange Jahre, insbesondere in der Zeit von Corona, in der Beratungspraxis tätig im Bereich Weltanschauungsarbeit. Früher hätte man gesagt Sekten, Psychogruppen, neue religiöse Bewegungen und so weiter. Während Corona ist uns aufgefallen, dass sich die Beratungsstruktur bzw.
[2:36] Das Klientel geändert hat. Also wir hatten normalerweise früher immer Anfragen ratsuchende Eltern, die sich wegen ihrer Kindersorgen gemacht haben. Also mein Kind hat da jetzt einen Guru kennengelernt und verhält sich komisch oder ist da in irgendeine religiöse Gruppe hineingeraten, wohingegen es während der Pandemie plötzlich umgekehrt war. Jüngere haben sich gemeldet und haben gesagt, meine Oma, mein Opa, mein Papa, meine Mama, die reden so komisches Zeug, die posten in unseren Familienchats ganz komische auch Verschwörungsinhalte. Und das hat sich gehäuft über einen längeren Zeitraum. Und das haben wir beide bemerkt und haben uns darüber ausgetauscht. Interessanterweise haben es auch andere Fachstellen bundesweit bemerkt. Und wir haben dann auf dieses Phänomen ein bisschen genauer drauf schauen wollen. Also das auch mal untersuchen wollen. Statistisch gibt es da Untersuchungen dazu. Und tatsächlich sind wir zu dem Schluss gekommen, dass das kein Einzelphänomen ist. Also es sind nicht nur ein paar Leute gewesen, sondern über einen ganz, ganz großen Zeitraum bundesweit mehrere Menschen, die dieses Problem geschildert haben. Und es hat uns den Anlass gegeben, das zu publizieren und auch die Gesellschaft darauf hinzuweisen, dass es hier ein Problem geben sollte oder ergibt, auf das man ein bisschen genauer drauf schauen sollte.
[3:52] Das heißt, ganz aus Ihrer Praxis heraus haben Sie die Veränderung festgestellt, jetzt melden sich andere Leute. Jüngere melden sich mit Sorgen, mit Blick auf die Älteren und nicht mehr umgedreht. Wenn Sie von Jüngeren und Älteren sprechen, was kann ich mir darunter vorstellen von der Altersstruktur her? Rufen da Gymnasiasten an, Schüler? Es sind tatsächlich, würde ich sagen, so um die 30, 35-Jährige gewesen, teilweise auch bis 40, die sich über ihre Eltern oder auch Großeltern informiert haben. Je nach Altersstruktur, es könnten auch 25- bis 45-Jährige gewesen sein, aber definitiv untypisch für die vorherige Beratungspraxis, die wir beobachtet hatten. Ich spreche von Älteren dann in einer Gruppe 60 plus, 65 plus, die ja plötzlich mit kruden Vorstellungen kamen. Das muss nicht unbedingt die Pandemie betreffen, das konnte auch Gesundheitsthemen betreffen. Also das gute Thema Impfung, Corona war ja ein Gesundheitsthema, hat das natürlich nochmal auf die Tagesordnung gebracht. Aber es waren auch andere Themen dabei, Klimawandel, was ja zunächst mit Corona nichts zu tun hatte. Aber alles im Bereich Verschwörungen, Alternativtheorien, sage ich einfach mal, ein ganz kruder Mix, esoterisch-verschwörerisch. Es war also sehr interessant, mit welchen Themen man da Kontakt hatte.
[5:09] Bevor wir sozusagen das Thema weiter einkreisen und vertiefen, vielleicht noch ein, zwei Worte zu Ihrer Fachberatungsstelle, um sich ein Bild machen zu können, in welchem Kontext ist sozusagen die Beobachtung dann möglich gewesen. Wie können wir uns das vorstellen? Sind das sozusagen Telefongespräche und Sie sind in der Einzelberatung von Personen und kriegen in der Summe dann mit, da hat sich was verändert? Oder haben Sie eher in der Fachberatungsstelle so eine Art Traufsicht und können
[5:35] über Zahlen und Studien solche Veränderungen wahrnehmen? Zunächst mal ist das Buch in einer Zeit entstanden, in der die Frau Dr. Pohl die Leitung der Zentralen Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen hatte und immer noch innehat. Also ganz nah an den Leuten und an den Menschen dran war in der Beratungspraxis. Also Telefon, aber auch E-Mail-Anfragen. Ich war in dieser Zeit am Kultusministerium tätig und habe eben dort eine eher Draufsicht gehabt, auch auf verschiedene Prozesse, die bundesweit liefen. Also habe auch gute Vernetzungsarbeit geleistet. Aufgrund des regelmäßigen Austauschs von uns beiden ist uns das gemeinsam aufgefallen. Also tatsächlich beide Aspekte haben in diese Publikation mit eingespielt. Auch die Studien und die Research-Lage sozusagen, die dadurch entstanden ist, haben beide Aspekte.
[6:23] Das bedeutet, das Phänomen, was Sie beschreiben, sowohl im Aufsatz als auch schon im Buch, ist nicht nur eine Graswurzelbeobachtung aufgrund von Beratungsfällen, die jetzt meinetwegen in Baden-Württemberg gehäuft sind, sondern abgeglichen mit bundesweiten Veränderungen. Und wahrscheinlich eben auch weltweit in Industrienationen ist dieses Phänomen von Radikalisierung ja.
[6:46] Zumindest bekannt und vielleicht auch bezogen auf Ältere. Also Ü40 würde ich jetzt mal so als Daumengröße nehmen. Oder reden wir, dass es wirklich die Personen sind, denen man noch vor einiger Zeit vorgeworfen hat, dass sie überhaupt nicht digitalisiert sind, dass sie sich überhaupt nicht mit sozialen Medien oder dergleichen beschäftigen. Können sie innerhalb der Altersstruktur von Ü40-Jährigen bis dann Ü80 Unterschiede beobachten? Ich frage das auf dem.
[7:16] Wenige Tage her ist und das Phänomen dort deutlich sich geändert hat, dass die Jüngeren radikaler gewählt haben als die Älteren. Obwohl wir lange Zeit dachten, naja, es sind die Älteren, die radikalisiert wählen.
[7:31] Also sowohl als auch. Das Buch möchte ja nicht sagen, wir haben kein Problem bei Jugendlichen oder bei Jüngeren, sondern wir haben auch ein Problem bei den Älteren, das praktisch noch hinzugekommen ist. Das, was wir festgestellt haben, ist beispielsweise, dass sehr, sehr viel beobachtet wird und auch sehr viele Projekte für junge Menschen angeboten werden, die eben in diesem Radikalisierungsspektrum sich wiederfinden lassen. Aber dass eben die Angebote und auch, ich sag mal, die Aufmerksamkeit nicht auf den Bereich der 50- und 55-Jährigen aufwärts ist. Und dieses Buch wollte sensibilisieren, Achtung, da gibt es aber auch noch etwas, was man beachten muss. Keins von beiden schließt das andere aus. Das, was Sie beschreiben, ist natürlich auch eine Werbekampagne, die sehr digitalisiert abläuft. Also wir wissen ja, dass sehr, sehr viele Parteien oder einige Parteien sehr stark auf TikTok, auf Instagram setzen und so weiter. Da sind die Jugendlichen natürlich gut dabei. Das hat sicherlich auch was mit dieser Nutzung von sozialen Medien zu tun. Auf der anderen Seite sind es aber auch andere Themen, die zu einer Verengung der Sicht führen können, die sich auch in den sozialen Medien abspielen, die aber tatsächlich eher für Ältere gedacht sind. Also ich sage es mal so, wir haben im Buch auch bestimmte Themen genannt, zum Beispiel Gesundheitsthemen, die jetzt für Jugendliche weniger relevant sind. Und einfach aufgrund dessen, dass Jugendliche weniger Probleme mit Gesundheit.
[8:46] Haben und das keine Rolle in ihrem Leben aktuell spielt. Wohingegen bei Älteren das jetzt schon ein Problem wird. Also ich bin jetzt 40 geworden. Ich möchte nicht sagen, dass ich große gesundheitliche Probleme habe, aber es spielt langsam eine Rolle. Und es spielt immer mehr eine Rolle, je älter wir werden. Das ist einfach natürlich bedingt. Und die springen aufgrund dieser bestimmten Themen einfach auf andere Themen an. Deswegen ist es tatsächlich themenabhängig und auch abhängig, welche Bedürfnisse bei den Menschen angesprochen werden. Jugendliche haben andere Bedürfnisse als Ältere. Und das ist eine ergänzende Beobachtung, die also auf einem wichtigen Punkt, der bisher unterbeleuchtet war.
[9:21] Und es ist nicht ein Wandel sozusagen, dass die einen aufgehört haben und die anderen begonnen haben, radikalisiert
[9:27] sozusagen da aus der Nutzung von digitalen Medien rauszukommen. Was heißt das konkret, radikalisiert? Also was sind Auswirkungen, wo Sie sagen, jetzt haben wir es hier mit einer Radikalisierung zu tun? Ist das etwas, was ich in politischen Stimmen niederschlagen würde? Ist das eher etwas, was wir am Sonntagsnachmittags Kaffeetisch beobachten können, weil dort, wenn die Familie noch zusammenkommt, dann der Austausch stattfindet jenseits oder diesseits der digitalisierten Medien? Zum Thema Radikalisierung gibt es natürlich Begriffsdefinitionen und so weiter, auf die wir in der Publikation noch genauer eingehen. Unabhängig davon passiert es auch im Buch, wie wir es beschreiben, eher schleichend. Also das kann tatsächlich, wie Sie es beschreiben, zunächst mal in einer Äußerung beim Mittagstisch passieren oder beim Kaffeekränzchen oder in kleineren Posts, die ja damals auch in Corona-Zeiten sehr beliebt waren, Familienchats, die sich aber immer mehr, ich sage mal, verengen und immer häufiger werden, indem man beispielsweise, wir sprechen ja von Filterblase. Also wir haben ja bewusst diesen Begriff Filterblasen eingebaut, weil das Korrektiv von außen teilweise nicht mehr erkennbar war bei den Menschen, die betroffen waren.
[10:35] Also eine Gefahr, und so haben wir es auch deutlich gemacht, entsteht eben dann, wenn Schwarz-Weiß-Denken entsteht. Das passiert nicht gleich am Anfang. Es ist wie gesagt ein Prozess, der einsetzt, wenn Sündenböcke gefunden werden oder wenn ganz klar negative Handlungsmuster entstehen. Also gesundheitliche Fehlentscheidungen, die damit verbunden sind, Misstrauen gegen staatliche Institutionen, das geht hin bis zur Delegitimierung des Staates, die schrittweise Radikalisierung, Verengung von Denkmuster, die eindeutig zu negativen Handlungsmustern führen und die können ganz verschieden aussehen, die können ganz aktiv sich gestalten, indem man bestimmte Aussprüche tätigt oder sich an bestimmten Dingen beteiligt. Es kann aber auch ins Privatleben hineinreichen, Entscheidungen für Kinder, die getroffen werden oder Entscheidungen, die gerade nicht getroffen werden. Da hat uns Corona ja einiges auch gezeigt, die sich im Übrigen auch gehalten haben. Also die Themen der Pandemie sind nicht abgehakt. Die wurden weitergetragen, werden zwar nicht häufig jetzt publik, aber spielen immer noch in der Beratungspraxis eine Rolle. Ich kann das auch aus eigenen Erfahrungen sagen oder darauf auch zurückgreifen. Eine Beobachtung ist dabei, wenn die Filterblase mal verlassen wird, weil zum Beispiel in einem Familienchat mitgeteilt wird, irgendwas worauf zu achten ist, was eine Gefahr ist oder was scheinbar eine Gefahr ist. Das ist ja schon auch der erste Aufschlag, wo wir mitbekommen, ah okay, da wird jetzt was geteilt und das ist aber merkwürdig.
[11:56] Eine erste Reaktion. Einen Abstoßungseffekt hat, so nach dem Motto, bitte schick mir das nicht mehr zu oder was schickst du da für ein Zeug, bitte lass das oder so und dadurch dann letztlich die Kommunikation unterbrochen wird und nicht aufgenommen wird. Wie stellt sich das dann auf der Seite dar, der.
[12:15] Sich vielleicht radikalisierenden dadurch oder auf dem Weg schon befindenden Älteren, wenn die Freunde oder Familienmitglieder so eine Reaktion zeigen? Also durchaus verständlich, aber vielleicht die Folgen nicht mehr im Blick habend, nur weil es nicht mehr ein Familienchat ist, passiert es ja dennoch. Also wir argumentieren ja ganz stark dahingehend, dass man den Kontakt halten soll. Denn die Menschen, die das betrifft, die sind ja schon in dieser Filterblase, sage ich mal. Das Korrektiv von außen ist teilweise oft nur noch die Familie. Also wir haben ja auch verschiedene Vulnerabilitätsfaktoren deutlich gemacht. Eins davon ist soziale Isolation. Das verstärkt natürlich immer mehr diesen Filterblaseneffekt, weil eben das Korrektiv von außen fehlt. Sie können sich das mit einer Plattformlogik vorstellen. Also ich schaue mir ein x-beliebiges Video an und dann werden verschiedene Beiträge in diese Richtung mir vorgeschlagen und dann verengt sich das natürlich immer mehr. Das kann im Sozialgefüge auch stattfinden, insbesondere wenn natürlich die anderen Sichtweisen ausgeblendet werden. Das passiert im digitalen Raum durch Algorithmen, im sozialen durch den Kontaktabbruch, sei es von der Person selber ausgelöst oder von den anderen. Und wir argumentieren ganz stark dahingehend, dass man Kontakt hält mit der Person. Also man soll sich nicht auf inhaltliche Diskussionen einlassen. Es wirkt eher dann auf die Person als du bist der Schlafschaf, sage ich einfach mal. Also oder Schlafschafe oder die Begriffe, die damit in Verbindung gebracht werden. Wir haben…
[13:38] Viel Erfolg gesehen in der Taktik, auf die Bedürfnisse, die da drunter liegen, einzugehen. Also zum Beispiel, welches Bedürfnis wird jetzt durch dieses Thema bei diesen Menschen befriedigt? Also das kann ganz individuell sein. Ein Antwortversuch für komplexe Sachverhalte, die einfach nicht zu verstehen sind. Am Halt wird gesucht. Anerkennung kann gesucht werden. Ich weiß das. Ich will euch das mitteilen. Es kann aber auch ein ganz einfacher Ausdruck von Sorge sein. Also ich mache ein Beispiel. Das Impfthema war ja ein ganz großes Thema. ist es immer noch mittlerweile, die älteren Menschen, die sich um ihre Enkelkinder Sorgen machen. Ich habe da gehört, das und das passiert da ein Körper oder da wird der Körper vergiftet. Also ich will nicht, dass es mit meinem Enkelkind passiert, ich habe Angst um die. Das ist ein Bedürfnis, das dahinter liegt. Das muss nicht immer grundlegend was mit dieser grundsätzlichen Pharmaziethematik zu tun haben. Und das anzusprechen, das sind tatsächlich Taktiken, in denen die Menschen sich dann auch gehört fühlen und sagen, ja, aber ich habe da ja Angst.
[14:35] Das würde heißen auch, dass aus der Sicht derjenigen, die jetzt solche Nachrichten mitbekommen und sagen, oh, da geht was los, dass das eigentlich schon längst im Gange ist. Also, dass die andere Person wahrscheinlich schon viel länger in diese Richtung konsumiert hat oder zugeschüttet wurde und dass da jetzt die Kommunikation nach
[14:54] außen hin oder das Mitteilen, dass da schon mehr passiert ist. Was wissen wir darüber, wie ältere digitale Medien, soziale Medien oder auch die Chats auf den einzelnen Apps von Telegram bis WhatsApp, wie stark die die nutzen? Ich stelle mir immer noch vor, dass die noch nicht digitalisiert sind. Also wir haben ja dieses Bild von Deutschland, wir sind nicht digitalisiert. Aber diese Radikalisierung ist digital getrieben. Die findet nicht beim Pritschabend statt.
[15:27] Willst auch du einen besseren Umgang mit Konflikten erlernen, dann ist vielleicht unsere Mediations- oder Coaching-Ausbildung etwas für dich. Wir starten regelmäßig im März und eine Mediationsausbildung auch noch zusätzlich im Oktober eines jeden Jahres. Informier dich auf unserer Webseite, kontaktier uns und wir können schauen, ob das das Passende ist. Und jetzt geht es mit dem Podcast weiter.
[15:54] Richtig, genau. Die, die wir beschreiben, die ist definitiv digital getrieben, in Anführungsstrichen, denn die Pandemie hat dann nochmal natürlich einen Vorschub geleistet, in dem alles digital ablaufen musste. Wir hatten keinen Bridge-Abend in dem Zeitraum sozusagen. Tatsächlich nutzen ältere Menschen in Deutschland auch Medien und auch das Handy, auch das Smartphone. Da gibt es diverse Studien, die wir im Artikel genannt haben. Sie benutzen sie aber anders. Studien zeigen, dass Jugendliche auch die Nachrichten und die gesellschaftlichen Themen auf dem Handy sozusagen oder sich auf dem Handy informieren, wohingegen ältere Menschen sehr gerne noch die etablierten Medien nutzen. Das Handy wird aber gerne verwendet, um beispielsweise die Chats, Familienchats zu nutzen, andere E-Mails zu überprüfen und so weiter und vielleicht auch hin und wieder mal ein paar soziale Medienseiten anzuschauen, die verlinkt werden oder einem geschickt werden. Interessant ist aber die Voraussetzungen, die beide Gruppen mitbringen. Studien haben gezeigt, dass Jugendliche tatsächlich mit einer eher kritischeren Haltung diese Medien konsumieren. Also sie wissen, dass es KIs gibt. Es gibt Deepfakes. Sie können das einschätzen und viele von ihnen sagen auch, ich glaube mittlerweile über 50 Prozent, dass sie schon Kontakt hatten mit Deepfakes und mit KI-generierten Inhalten, also mit Fehlinformationen. Wo hingegen die gleiche Befragung dazu geführt hat, dass es bei den Älteren.
[17:12] Im unteren zweistelligen Bereich eher war. Also die Menschen realisieren gar nicht, dass sie damit Kontakt hatten und nehmen diese Fehlinformationen oder Desinformationen teilweise ja auch auf und ihnen ist nicht klar, dass es sich um etwas Generiertes handelt oder teilweise auch.
[17:27] Dass ihnen Medien vorgeschlagen werden, die durch Algorithmen ihnen vorgeschlagen werden. Also dieses Verständnis für Algorithmus und KI einfach nicht so ausgeprägt ist wie in den jüngeren Altersgruppen. Und das heißt, darüber findet der Einstieg statt. Die Personen brauchen gar nicht einen Account auf den einzelnen sozialen Medien. Also wenn ich mir vorstelle, haben meine Eltern oder so, sind die auf Facebook? Da sage ich, nee.
[17:52] Aber das ist auch gar nicht notwendig. Sie werden anders kontaktiert. Was ist denn, wenn ich jemand bin, der sich Sorgen macht um meine Elterngeneration und ich kann Rat suchen, es gibt Fachberatungsstellen. Aber was sind so erste Schritte, die mir geraten wären? Was wäre ein guter Auftakt?
[18:11] Also zunächst sage ich immer, man soll dort anpacken, wo auch die Ursache ist. Natürlich ist das, was Sie gerade beschrieben haben, das Digitale. Es kommt mal ein Link und so weiter. Man rutscht da rein, man zeigt Interesse. Aber natürlich gibt es bestimmte Faktoren, die das begünstigen. Also ich sage nicht, dass jeder in dieser Altersgruppe anfällig ist, aber es gibt bestimmte, ich sage mal Faktoren, die eine verstärkte Hinwendung zu diesen Themen begünstigt. Ich würde daran ansetzen. Also ich habe vorhin soziale Isolation genannt. Ich hatte auch schon Personen am Telefon, die mir gesagt haben, was soll ich da jetzt machen? Und ich habe gesagt, mehr einbinden, sozial mehr einbinden, den Austausch fördern.
[18:45] Da an Themen andocken, wenn das Fußball ist oder sonst irgendetwas, einfach in die Vereine mit reinnehmen, den Austausch fördern, nämlich gerade eben diese Filterblase durchbrechen. Es gibt bestimmte andere Ängste, die damit verbunden sind. Gesundheitsängste, Rentenängste, also Absicherungsängste, die man einfach mitbearbeiten muss, über die man mit den älteren Menschen auch mal reden sollte. Natürlich als Angehöriger kann man bestimmte Ängste nicht vorbeugen, weil manche müssen auch politisch vorgebeugt werden. Eine bestimmte Selbstaufwertung, die der Mensch möchte. Also er hat im Prinzip, ich mache mal ein Beispiel, die Rente ist eingetroffen. Ich habe jahrelang gearbeitet, 40 Jahre lang. Ich hatte da meine Freunde, meinen Freundeskreis oder meinen Bekanntenkreis. Ich war da jemand und jetzt spüre ich keine Selbstwirksamkeit mehr. Ich arbeite nicht, ich bin zu Hause, ich habe keinen Austausch mehr. Und diesem Menschen kann eigentlich zumindest positiv geholfen werden, indem man eben diesen Austausch fördert, indem man eine Selbstwirksamkeit herstellt. Ich sage mal Ehrenamt beispielsweise. Es gibt ganz verschiedene individuelle
[19:41] Ansatzmöglichkeiten, mit denen man einfach diese Faktoren so klein hält wie möglich. Korrelieren denn diese Ergebnisse mit Veränderungen im Bereich zum Beispiel Ehrenamt oder mit Erkenntnissen, wie der Übergang vom Arbeitsleben in den Ruhestand gelingt? Also verbringen heute Ältere, vielleicht nicht ihr Fachgebiet, aber vielleicht in dem Kontext aufgetaucht.
[20:05] Ihre Zeit anders? Also definitiv. Wir beobachten ab dem Zeitalter in Eintritt, Rente, Pension, also dieses Alter, nochmal einen mentalen Umbruch, der sowohl von Unsicherheit, aber auch von neuer Selbstfindungsphase geprägt ist. Aber eben auch vom zeitlichen, ich sag mal vom Tagesablauf her nochmal die Frage stellt, was mache ich denn jetzt mit meiner Zeit? Wir haben ein Beispiel genannt, in dem Langeweile zu problematischen Verhaltensweisen geführt hat, indem man angefangen hat, sich in bestimmte Themen einzulesen, in Anführungsstrichen, und sich immer mehr mit bestimmten Themen zu beschäftigen, die einen in diese Thematik erstmal hineinbringen. Das ist auch eine Umstellung. Das erinnert mich ja an dieses Klischeebild des Jugendlichen, der nicht weiß, mit sich anzufangen, vielleicht auch arbeitslos war. Ich bin ja so Generation 77 geboren, Ostdeutschland, Jugendarbeitslosigkeit dann später und so. Und dann findet dort sozusagen aus Langeweile wirklich ein Abkleinschild. Das können wir sozusagen auch beobachten bei Älteren, die dann das haben.
[21:06] Sie müssen so schmunzeln, vielleicht habe ich irgendwo ein Klischee getroffen. Nein, das stimmt natürlich. Das Thema Langeweile ist tatsächlich ein ausschlaggebender Punkt, der sowohl natürlich bei Jugendlichen als auch bei Älteren eine Rolle spielt. Natürlich hört sich das jetzt auch plakativ an zu sagen, man soll seinen Ruhestand vorbereiten und gucken, was man da macht und so weiter. Ist aber tatsächlich eine gute Idee, sich am Hobby zu orientieren, das vorzubereiten, zu gucken, was macht man dann, wenn ich den ganzen Tag mir eine Aufgabe suchen möchte. Also wie kann ich das so machen am besten, dass ich dadurch eine Selbstwirksamkeit verspüre, dass ich was Gutes tue und mich auch mit dem Thema beschäftigt, das mich interessiert. Das ist tatsächlich auch eine wichtige Rolle, das teilen sich die Älteren mit den Jüngeren. Auf der…
[21:47] Auf individuellen Ebene ist ja darin tatsächlich auch eine Chance zu sehen, weil wenn ich sozusagen bewusst auf solche Nachrichten oder solche Kontaktaufnahmen, die ein bisschen merkwürdig am Anfang erscheinen oder auch beängstigend sind, dann entsteht ja durchaus ein Handlungsdruck, Sorgen entstehen und dann kann da wieder mehr Kontaktfläche aufkommen.
[22:06] Wenn es gut kommt, ist die Familie wieder enger beisammen. An sich ja ein schönes Bild auch. Was geschieht sozusagen, wenn das ein gesellschaftliches Phänomen ist? Wir hatten das vorhin schon so angesprochen, dass man die Angebote auch zuschneiden muss auf ältere Personen. Wie kann man sich das vorstellen?
[22:23] Wir haben auch mit den anderen europäischen Ländern, also wir haben jetzt beispielsweise erst Vortrag in Luxemburg gehalten. Die haben auch dieses Phänomen beobachtet, nicht nur Luxemburg, Belgien, Österreich und so weiter. Sie gehen auch sehr stark auf den Vorschlag, den wir gemacht haben, nämlich diese Peer-Informationsgruppen. Also Peer bringt man auch eher mit Jugendlichen in Verbindung, aber es ist tatsächlich so, dass die gleichaltrigen Informationsveranstaltungen für Gleichaltrige machen. Damit meine ich nicht die 18-Jährigen, sondern tatsächlich die 60-Jährigen beispielsweise, die dort Austauschforen finden, bestimmte Themen bearbeiten. Das muss aber nicht nur ein politisches Thema sein, das können auch andere Themen sein. Denn klar ist, auch in Pausen wird ja über Politik oder über andere Themen gesprochen, über Rentenerfahrungen und so weiter. Und diese Austauschforen schaffen, das ist tatsächlich ein ganz, ganz großer Gewinn. Die gibt es leider zu wenig. Die Projekte, die sind in der Bundesrepublik leider so ausgelegt, dass es Projekte sind. Projekte laufen ein bis zwei Jahre und dann laufen sie aus. Und diese längerfristig angelegten, ich sag mal jetzt Austauschforen oder andere Möglichkeiten für Ältere in Austausch zu treten, die gibt es fast nicht. Also gar nicht auf Langzeit angelegt und wenn, dann als Projekt angelegt.
[23:35] Zum Abschluss auch mit deinem Blick in die Zukunft oder die Aussicht. Was sind absehbare Tendenzen? Also haben Sie den Eindruck, wir sind damit jetzt sozusagen schon in dem Bereich, dass es bergauf geht?
[23:48] Wissen wir noch zu wenig, als dass wir abschätzen können, wie groß ist das Problem eigentlich? Wo stehen wir dann? Worauf kommt es an in den nächsten Monaten und Jahren? Das wissen wir nicht über den Berg, das kann man sagen. Also ob es sich verschlimmert hat oder nicht, das kann ich jetzt statistisch nicht belegen. Es ist aber klar, dass wir natürlich immer nur die Spitze des Eisbergs erfassen können. Also auch die Studien, Verfassungsschutz, Connex-Studie und so weiter, die bringen natürlich nur das zu Tage, was eben schon deutlich radikalisiert ist. Das, was sich unten tut in dem Bereich, das ist für uns zunächst einmal noch gar nicht sichtbar. Die sozialen Medien, TikTok, Instagram spielen weiterhin eine große Rolle, eine steigende Rolle. Ich bin jetzt gerade im großen Buchprojekt zum Thema Sintfluencer, ist gerade auch immer eine immer bedeutendere Rolle im Rahmen der Orientierungssuche, die immer mehr ins Digitale hineingeht. Also da gibt es noch Handlungsbedarf, gibt es Ausbaubedarf, auch natürlich politisch, wissenschaftlich und ich sage immer, solange man das Problem nicht an der Wurzel packt, können wir auch weiter oben nichts bewerkstelligen. Es sind Bedürfnisse, die Menschen haben, es sind Ängste, die Menschen haben, sie möchten teilweise gehört werden. Also man sagt immer so plakativ, wer das Gefühl hat, gehört zu werden, der wird leiser. Solange diese Menschen nicht das Gefühl haben, dass sie gehört werden oder eine Selbstwirksamkeit erfahren oder diese Bedürfnisse in irgendeiner Art und Weise angesprochen werden, solange werden die Menschen auch probieren, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Und da sind natürlich die digitalen Medien, weil sie auch niederschwellig sind.
[25:11] Das, was am zugänglichsten ist. Da wirken die, ich sag mal, Plattformlogiken, Algorithmen, alles leider auch gegen uns. Die Diskussion um Plattformen, Einstellungen und so weiter, die hatten wir ja schon länger und die gibt es auch weiterhin. Wird aber sich in absehbarer Zeit nichts ändern. Deswegen müssen wir da anpacken, wo wir können. Und das ist nun mal in den Kompetenzen, in den Reflexionskompetenzen, kritisch hinterfragen und so weiter. Aber auch, wie gesagt, die Bedürfnisse, die wirken. Die Menschen probieren damit zu befriedigen. Frau Wiedemann, vielen Dank für das informative Gespräch und dass Sie das Thema auch so auf dem Schirm haben. Mir war das tatsächlich neu und daher vielen Dank dafür.
[25:49] Kein Problem. Frau Wiedemann, ich wünsche Ihnen einen schönen Tag und gutes Gelingen. Ja, danke schön. Machen Sie es gut. Bis bald. Schreib mir, was dir gefehlt hat. Schreib mir, ob es dir gefallen hat. Hinterlass ein Feedback, eine Sternebewertung. Das hilft diesem Podcast, sich weiter zu verbreiten, auch Personen, die es interessieren müsste, aber noch nicht davon gehört haben, dann zu ermöglichen, auch gehört zu werden. Und erlaubt es auch uns hier von INKOVEMA, jede Woche eine neue Folge öffentlich, kostenfrei, aber hoffentlich nicht umsonst zur Verfügung zu stellen. Ich verbleibe mit besten Wünschen. Euer Sascha von INKOVEMA. Komm gut durch die Zeit. Hier aus Leipzig vom Institut für Konflikt- und Verhandlungsmanagement und Partner für professionelle Mediations- und Coaching-Ausbildungen INKOVEMA. Ciao.