INKOVEMA Podcast „Well through time“

#273 GddZ

Interkulturelle Kompetenzen im Kontext von Mediation

Wir benötigen generelle interkulturelle Kompetenzen sowie spezifische Kulturkompetenzen in der Mediation

In dialogue with Claude-Hélène Mayer

Professor für Industrial and Organisational Psychology am Department for Industrial Psychology and People Management, University of Johannesburg, Südafrika. Sie ist zudem Privatdozentin am Institut für Sprachgebrauch und Therapeutische Kommunikation an der Europa Universität Viadrina, Frankfurt (Oder), in Deutschland und Senior Research Associate an der Rhodes University, Grahamstown, Südafrika. International arbeitet sie als Mediatorin und Ausbilderin für Mediation (BM), als interkulturelle Trainerin, systemische Beraterin, Therapeutin und Lehrtherapeutin (SG, DGSF). Weiterhin ist sie weltweit in der internationalen Unternehmensberatung tätig. Ihre Forschung schließt Themen wie Frauen in Führung, interkulturelle Mediation und Konfliktmanagement, Gesundheit in Organisationen und Scham ein.

2025 hat sie den renommierten HERS-SA Higher Education Women Leaders Award (HEWLA) in der Kategorie Geistes- und Sozialwissenschaften für ihre herausragenden Beiträge zur Forschung an der Schnittstelle von Psychologie, Kultur und Management bekommen.

Small series: Fields of mediation

Contents

Chapter:

Takeaways

  • „Konflikte werden in vielen Kulturen anders wahrgenommen“

  • „Direkte Konfliktbenennung ist in manchen Kulturen tabu“

  • „Emotionen und Gefühle beeinflussen die Konfliktwahrnehmung“

Summary

In dieser Folge sprechen wir über Interkulturalität in der Mediation und darüber, warum Konfliktbearbeitung neben Wahrnehmung auch praktisches Handwerkszeug braucht. Wir ordnen ein, wie interkulturelle Konflikte entstehen und welche Anforderungen sie an Mediatorinnen und Mediatoren stellen.

Wir sprechen mit Claude-Hélène Mayer über ihren Weg in die interkulturelle Arbeit. Sie beschreibt ihren kulturellen Hintergrund, ihr Studium der Ethnologie und der interkulturellen Didaktik sowie ihren Einstieg in Konfliktmanagement und Mediation. Dabei betont sie, dass sie Mediation von Anfang an aus einer interkulturellen Perspektive betrachtet hat.

Ein Schwerpunkt ist die Frage, ob es allgemeine oder kulturspezifische interkulturelle Kompetenz braucht. Wir besprechen, dass beides relevant sein kann: eine allgemeine Sensibilität für Unterschiede, Vorurteile und Stereotype sowie Wissen über konkrete kulturelle Kontexte. Besonders wichtig hebt sie dabei Sprachkompetenz hervor.

Außerdem geht es darum, wie Konflikte in verschiedenen kulturellen Zusammenhängen wahrgenommen und benannt werden. Wir sprechen darüber, dass in manchen Kontexten eher von Missverständnissen oder Kommunikationsproblemen als von Konflikten gesprochen wird und dass Konflikte teilweise nicht direkt ausgetragen werden.

Ein weiterer Themenblock behandelt die Rolle der Mediatorin oder des Mediators. Wir sprechen über unterschiedliche Erwartungen an Neutralität, Expertenrolle, direkte Gesprächsführung und Entscheidungshilfe. In manchen Kontexten kann auch eine pendelnde oder indirekte Form der Vermittlung passender sein als ein direktes Gespräch am Tisch.

Zum Schluss gehen wir darauf ein, dass interkulturelle Mediation eine hohe Reflexion, vorsichtige Kommunikation und die Bereitschaft erfordert, Struktur und Methoden flexibel anzupassen. Wir halten fest, dass Offenheit, Sensibilität und die Kenntnis möglicher kultureller Unterschiede für die Vermittlungsarbeit zentral sind.

Interkulturalität und interkulturelle Kompetenzen – Eine knappe Einführung

List Box Title
  •  1. Kultur und Interkulturalität: Begriffsklärung

    Kultur ist kein festes Inventar von Phänomenen oder Eigenschaften, sondern ein dynamisches System gemeinsam geteilter Bedeutungen, Werte, Normen und Praktiken, das Orientierung stiftet und Handeln reguliert – ohne es zu determinieren. Kulturen sind nach innen heterogen, nach außen durchlässig und historisch wandelbar. Gleichwohl erzeugen sie erkennbare Muster: in der Kommunikation, im Umgang mit Konflikten, in der Wahrnehmung von Raum, Zeit, Hierarchie und Emotionalität.

    Interkulturalität bezeichnet die Begegnung, Überschneidung und Aushandlung zwischen zwei oder mehr kulturellen Systemen – sei es zwischen Personen, Gruppen oder Institutionen. Sie entsteht nicht automatisch durch bloße Ko-Präsenz, sondern dort, wo kulturelle Differenz handlungsrelevant wird: wo Deutungsrahmen kollidieren, Erwartungen enttäuscht werden oder Kommunikation scheitert, ohne dass die Ursache unmittelbar erkennbar ist.

    Ein zentrales Merkmal interkultureller Begegnungen ist das Eisberg-Phänomen: Sichtbare Kulturelemente (Verhalten, Symbole, Sprache) liegen über der Oberfläche; die eigentlich handlungsleitenden Schichten – Grundannahmen, Werte, implizite Regeln – bleiben verborgen und werden erst in der Konfrontation mit dem Anderen erkennbar.

  • 2. Interkulturelle Kompetenz: Begriff und Struktur

    Interkulturelle Kompetenz ist die Fähigkeit, in Situationen kultureller Überschneidung angemessen, effektiv und reflexiv zu handeln. Sie ist keine einzelne Eigenschaft, sondern ein Bündel aufeinander bezogener Dimensionen, das in der Forschung unterschiedlich modelliert wird. Weitgehend konsensfähig ist eine Dreiteilung:

    • Kognitiv – Wissen über kulturelle Unterschiede, über eigene kulturelle Prägung, über interkulturelle Dynamiken und Kommunikationsmuster.
    • Affektiv – Empathiefähigkeit, Ambiguitätstoleranz, Neugier auf das Fremde, emotionale Stabilität in kulturell verunsichernden Situationen.
    • Konativ (behavioral) – Handlungsrepertoire: Fähigkeit, das Wahrgenommene in angemessenes, situationsgerechtes Verhalten zu übersetzen; Flexibilität in der Kommunikationsstrategie.

    Diese drei Dimensionen greifen ineinander: Wissen ohne Empathie bleibt abstrakt; Empathie ohne Handlungskompetenz bleibt folgenlos; Handeln ohne Reflexion reproduziert unreflektierte Muster.

  • 3. Zwei Bereiche interkultureller Kompetenz

    Der entscheidende analytische Schnitt verläuft zwischen general and kulturspezifischen Kompetenzen.

    3.1 Generelle interkulturelle Kompetenzen

    Generelle Kompetenzen sind kulturunabhängig erwerbbar – d.h. sie können losgelöst von einer konkreten Zielkultur erlernt, trainiert und transferiert werden. Sie stellen gewissermaßen die Basic equipment für jede interkulturelle Begegnung dar.

    Zu den zentralen generellen Kompetenzen zählen:

    • Selbstreflexivität: die Fähigkeit, die eigene kulturelle Prägung als solche zu erkennen und als kontingent – nicht als universell – zu betrachten. Dies setzt voraus, den eigenen Blick zu „verfremdend“, d.h. als einen kulturell geformten Blick zu verstehen.
    • Ambiguity tolerance: die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit, Widersprüche und Unklarheiten in interkulturellen Situationen auszuhalten, ohne vorschnell auf bekannte Deutungsschablonen zurückzugreifen.
    • Empathie und Perspektivübernahme: die Bereitschaft und Fähigkeit, die Wahrnehmung und Logik des Gegenübers ernst zu nehmen – auch ohne sie zu teilen.
    • Kommunikative Flexibilität: die Fähigkeit, den eigenen Kommunikationsstil anzupassen; z.B. zwischen direkter und indirekter Kommunikation, zwischen explizitem und implizitem Bedeutungstransport zu wechseln (Low-context / High-context nach Hall).
    • Dezentrierung: die kognitive und emotionale Fähigkeit, das eigene kulturelle Zentrum zeitweise zu verlassen und den eigenen Referenzrahmen zu relativieren.
    • Kulturmodelle und Dimensionsrahmen: Kenntnisse über kulturvergleichende Konzepte (z.B. Hofstedes Dimensionen: Machtdistanz, Individualismus/Kollektivismus, Unsicherheitsvermeidung; Trompenaars‘ Wertedimensionen) ermöglichen eine strukturierte erste Orientierung, ohne als deterministische Schubladen missverstanden zu werden.

    Diese Kompetenzen sind formal transferierbar: Wer sie in einer interkulturellen Situation erworben hat, kann sie grundsätzlich in einer anderen einsetzen – wenngleich nie vollständig ohne Anpassung.

    3.2 Kulturspezifische Kompetenzen

    Kulturspezifische Kompetenzen hingegen sind nicht transferierbar – sie entstehen nur in und mit einer bestimmten Kultur, durch unmittelbaren, wiederholten und reflexiv begleiteten Kontakt. Sie sind das, was man im strengen Sinne nicht aus Büchern lernen kann.

    Dazu gehören:

    • Sprachliche Tiefenkompetenz: nicht nur Grammatik und Vokabular, sondern die idiomatische, pragmatische und konnotative Schicht einer Sprache – das, was gesagt wird, ohne gesagt zu werden.
    • Implizite Handlungslogiken: das Wissen darum, was in einer bestimmten Kultur als angemessen gilt, ohne dass dies explizit kommuniziert wird. Beispiele: Wie begrüßt man wen zuerst? Wie signalisiert man Ablehnung, ohne zu verletzen? Welche Themen sind tabu?
    • Kontextspezifisches Erfahrungswissen: historische Selbstbilder, kollektive Traumata, nationale Narrative, regionaler Stolz – all das, was den Subtext interkultureller Kommunikation prägt.
    • Beziehungsverständnis und Zeitkonzepte: In manchen Kulturen ist Vertrauen Voraussetzung für Zusammenarbeit (relationship-first); in anderen ist Zusammenarbeit der Weg zum Vertrauen (task-first). Wer das nicht erlebt hat, handelt dagegen an.
    • Nonverbale und paraverbale Codes: Körpersprache, Proxemik, Schweigen, Lautstärke, Augenkontakt – diese Codes sind kulturell tief verankert und werden in der Begegnung nicht erklärt, sondern vorausgesetzt.

    Kulturspezifische Kompetenz entsteht durch Akkulturation, d.h. durch gelebten, reflektierten und oft auch schmerzhaften Kontakt mit der Zielkultur. Akkulturation bezeichnet genau diesen Prozess, durch den Elementen einer anderen, d.h. fremden Kultur (Werte, Sprache, Normen) übernommen wird durch Individuen oder Gruppen (nicht selten: im Wege von Migration). Dabei bleibt die eigene Identität zwar erhalten, wird aber ergänzt, indem neue kulturelle Aspekte angenommen werden. Im Gegensatz dazu wäre die Assimilation der Prozess der vollständigen Aufgabe der Ursprungsidentität und Kultur. Akkulturation ist graduell und gewissermaßen unvollständig. Eigene Unsicherheit und Fehlbarkeit ist bestenfalls ein akzeptierter und deshalb produktiver Teil des Lernens.

  • 4. Verhältnis und Zusammenspiel beider Bereiche

    Beide Kompetenzbereiche stehen in einem komplementären Spannungsverhältnis, nicht in einem Ersatzverhältnis.

    Generelle Kompetenzen bilden die Prerequisite, kulturspezifische Kompetenzen überhaupt erwerben zu können: Wer keine Ambiguitätstoleranz mitbringt, wird den Erfahrungsraum einer fremden Kultur nicht aushalten; wer nicht zur Dezentrierung fähig ist, wird das Spezifische einer anderen Kultur nicht wahrnehmen können, weil er es immer schon durch den eigenen Rahmen deutet.

    Kulturspezifische Kompetenzen hingegen erden and concretise die generellen: Sie verhindern, dass interkulturelle Kompetenz abstrakt und beliebig bleibt. Kulturmodelle geben Orientierung – aber erst die gelebte Erfahrung macht aus einer Orientierung ein verlässliches Handlungswissen.

    Für die Praxis – etwa in der Mediation, im Coaching oder in der Organisationsentwicklung – bedeutet das: Generelle interkulturelle Kompetenzen können in Trainings, Seminaren und durch theoretische Reflexion vermittelt werden. Kulturspezifische Kompetenzen erfordern darüber hinaus Immersion, begleitete Reflexion und Zeit – sie lassen sich allenfalls vorbereiten, aber nicht simulieren.


    5. Ein kritischer Ausblick

    Jede Rede von interkultureller Kompetenz trägt das Risiko der Culturalisation in sich: die Tendenz, Differenzen primär auf Kultur zurückzuführen und dabei individuelle, situative, sozioökonomische und machtstrukturelle Faktoren zu übersehen. Kultur erklärt vieles – aber nicht alles. Ein kultursensibles Handeln bleibt angewiesen auf die Bereitschaft, im Einzelfall die Frage zu stellen: Ist das hier wirklich eine kulturelle Differenz – oder eine individuelle, eine soziale, eine institutionelle?

    Interkulturelle Kompetenz meint daher zuletzt auch: die Kompetenz, den Begriff der Kultur selbst kompetent zu gebrauchen.

  • Mayer, Claude-Hélène: Trainingshandbuch Interkulturelle Mediation und Konfliktlösung, Didaktische Materialien zum Kompetenzerwerb, 2019, 3. aktualisierte Auflage, Münster.
  • Bolten, J.: Interkulturelle Kompetenz, Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, 2007

  • Hammer, M.R.: Solving problems and resolving conflict using the intercultural conflict style model and inventory, in: Moodian (Ed.), Contemporary leadership and intercultural competence, Ch. 17, pp. 219-232, CA, 2009.