INKOVEMA Podcast „Well through time“

#272 GddZ

Neues zum Mediationsparadoxon! Und sein Ende?

Mediation ist nicht einfach billiger, zügiger, erfolgreicher,

sondern vor allem nicht für Alle umsetzbar, wenig institutionalisiert und nicht immer passend.

Im Gespräch mit Prof. Dr Hemma Mayrhofer 

österreichische Soziologin und aktuelle Leiterin des Instituts für angewandte Rechts- und Kriminalsoziologie (IRKS) an der Universität Innsbruck. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist angelegt im Schnittpunkt Rechtssystem, soziale Arbeit und Kriminologie.

Ihre bisherige wissenschaftliche Arbeit konzentriert sich auf rechtssoziologische Forschung, Extremismus- und Gewaltprävention, soziale Inklusions- und Exklusionsprozesse sowie die Wirkungsevaluation in der (mobilen) Jugendarbeit.

Contents

Menschen entscheiden sich für oder gegen Mediation nicht mit der Vergleichsfolie des Gerichswesens. Das Gericht spielt kaum eine Rolle.

# Paradox — Warum Mediation paradox erscheint Auflösung — Was die Studie erklärt
1 Paradox

Überlegenes Verfahren, minimale Nutzung

Günstiger, schneller, erfolgreicher als das Gericht — und dennoch nutzen nur knapp 5 % der Bevölkerung Mediation, obwohl ein geeigneter Konflikt vorlag.

Erhellung

Mediation verlangt das Ja des Feindes

Alle Parteien müssen gleichzeitig bereit sein — genau dann, wenn Vertrauen und Kommunikation bereits zerstört sind. Die geringe Nutzung ist keine Irrationalität, sondern strukturelle Konsequenz.

2 Paradox

Mediatoren meiden die eigene Mediation

Über 50 % ausgebildeter Mediatoren haben keinerlei Erfahrung als Mediant. Das Produkt überzeugt nicht einmal seine eigenen Anbieter.

Erhellung

Der Zugang ist sozioökonomisch gefiltert

Bildung entscheidet, ob man Mediation kennt. Einkommen entscheidet, ob man es nutzt. Das proklamierte Bild eines niederschwelligen Verfahrens für alle hält den Daten nicht stand.

3 Paradox

Wissen erzeugt keine Nachfrage

Zwei Drittel derer, die Mediation kennen und erwägen, realisieren es nicht. Zwischen Erwägen und Tun klafft eine Lücke, die rational kaum erklärbar scheint.

Erhellung

Die Vergleichsfolie ist falsch

Mediation konkurriert nicht mit dem Gericht, sondern mit dem kostenlosen Nichtstun. Wer das erkennt, versteht, warum die Hürde strukturell viel höher ist als der Preisvergleich suggeriert.

Chapter:

Summary

In dieser Folge spreche ich mit Prof. Dr. Emma Mayrhofer über eine mehrjährige Studie zur Mediation in Österreich und über neue Erkenntnisse zum sogenannten Mediationsparadoxon. Im Mittelpunkt steht die Frage, warum ein Verfahren, das als schneller, günstiger und erfolgreich beschrieben wird, dennoch vergleichsweise selten genutzt wird.

Wir erläutern den Aufbau der Untersuchung: Erfasst wurden sowohl die Bevölkerung als auch Mediatorinnen und Mediatoren, ergänzt durch qualitative Fallstudien. Die Daten zeigen, dass Mediation in Österreich rechtlich nur begrenzt verankert ist und meist nicht als Voraussetzung für den Gang vor Gericht dient.

Ein zentrales Ergebnis ist die prekäre Lage des Berufsfeldes. Mediation wird laut den erhobenen Daten überwiegend nur als Nebentätigkeit ausgeübt, nur wenige können davon leben. Gleichzeitig sind die Honorare und die Zahl der Fälle stark unterschiedlich, und die institutionelle Verankerung bleibt schwach.

Wir sprechen auch über die geringe Nachfrage. Laut der Studie kennen nur rund die Hälfte der Bevölkerung Mediation überhaupt, und Bildung sowie Einkommen spielen eine deutliche Rolle dafür, ob Mediation bekannt ist und genutzt wird. Viele Konflikte werden stattdessen informell, durch Gespräche oder mit Unterstützung des sozialen Umfelds, bearbeitet.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Freiwilligkeit. In den qualitativen Interviews zeigt sich, dass Mediation oft unter Druck zustande comes, etwa durch Familie, Arbeitgeber, Richter oder andere wichtige Stellen. Außerdem wird deutlich, dass der Einstieg in die Mediation häufig schon an der Bereitschaft einer Seite scheitert.

Am Ende ordnen wir das Mediationsparadoxon neu ein: nicht als Widerspruch, sondern als Zusammenspiel vieler Faktoren. Dazu zählen Bekanntheit, Zugang, Kosten, sprachliche und soziale Voraussetzungen, fehlende strukturelle Anreize sowie die Schwierigkeit, Menschen in akuten Konflikten für ein konsensorientiertes Verfahren zu gewinnen.

Was macht(e) denn die Mediation paradox?

1. Überlegenes Verfahren, minimale Nutzung
Günstiger, schneller, erfolgreicher als das Gericht — und dennoch nutzen nur knapp 5 Prozent der Bevölkerung Mediation, obwohl ein geeigneter Konflikt vorlag.
2. Mediatoren meiden die eigene Mediation
Über 50 Prozent ausgebildeter Mediatoren haben keinerlei Erfahrung als Mediant. Das Produkt überzeugt nicht einmal seine eigenen Anbieter.
3. Wissen erzeugt keine Nachfrage
Zwei Drittel derer, die Mediation kennen und erwägen, realisieren es nicht. Zwischen Erwägen und Tun klafft eine Lücke, die rational kaum erklärbar scheint.

Das war’s mit dem Mediationsparadoxon!

1. Mediation verlangt das Ja des Feindes
Alle Parteien müssen gleichzeitig bereit sein — genau dann, wenn Vertrauen und Kommunikation bereits zerstört sind. Die geringe Nutzung ist keine Irrationalität, sondern strukturelle Konsequenz.
2. Der Zugang ist sozioökonomisch gefiltert
Bildung entscheidet, ob man Mediation kennt. Einkommen entscheidet, ob man es nutzt. Das proklamierte Bild eines niederschwelligen Verfahrens für alle hält den Daten nicht stand.
3. Die Vergleichsfolie ist falsch
Mediation konkurriert nicht mit dem Gericht, sondern mit dem kostenlosen Nichtstun. Wer das erkennt, versteht, warum die Hürde strukturell viel höher ist als der Preisvergleich mit Anwalt und Richter suggeriert.
  • Mayrhofer, Hemma; Koller, Martina (2026): Das Mediationsparadoxon in Zahlen – Repräsentative Studienergebnisse aus Österreich. Teil 2: Erfolgreich, aber hochschwellig: Hemmnisse für eine höhere Nachfrage nach Mediation. In: Die Mediation. Fachmagazin für Konfliktlösung – Entscheidungsfindung – Kommunikation 2026/I, S. 72 – 75.
  • Mayrhofer, Hemma; Koller, Martina (2025): Das Mediationsparadoxon in Zahlen – Repräsentative Studienergebnisse aus Österreich. Teil 1: Überschätzte Bekanntheit und seltene Nutzung: Mediation im Kontext alternativer Formen der Konfliktbearbeitung. In: Die Mediation. Fachmagazin für Konfliktlösung – Entscheidungsfindung – Kommunikation 2025/4, S. 6 – 10.
  • Mayrhofer, Hemma; Koller, Martina (2025): Aktuelle Studienergebnisse zu Einigungsverfahren: konsensuale Streitbeilegung als attraktive Ergänzung der gerichtlichen Verfahrenserledigung. In: Österreichische Richterzeitung. Organ der Richter und Staatsanwälte Österreichs 2025/06, S. 99 – 106.