INKOVEMA Podcast „Well through time“

#271 GddZ

Evaluative mediation

Was geht, wenn ein evaluatives Vorgehen in der Mediation möglich ist?

Im Gespräch mit Katrin Bühring-Uhle

Katrin Bühring-Uhle ist eine erfahrene Juristin und Mediatorin, die nach ihrer Zulassung als Rechtsanwältin im Jahr 1986 über zwei Jahrzehnte als Richterin in der Hamburger Justiz tätig war. Bereits 1994 spezialisierte sie sich durch eine Ausbildung an der Harvard University auf Mediation und baute ab 2006 maßgeblich die Mediationsabteilung am Amtsgericht Hamburg auf. Seit 2019 ist sie als Of Counsel in der Kanzlei BODENHEIMER tätig, wo sie ihre Expertise vor allem in der Wirtschaftsmediation, bei Gesellschafterkonflikten und in der Beratung von Familienunternehmen einbringt.

Kleine Reihe: Mediationsstile

Contents

Chapter:

Overview

Facilitative Evaluative Transformative
Focus Process Inhalt/Ergebnis Beziehung/Interaktion
Mediatorrolle neutral, prozesssteuernd bewertet, empfiehlt begleitet Wandel
Goal Einigung sachgerechte Lösung Interaktionsveränderung
Selbstbestimmung high accompanied sehr hoch

Summary

In dieser Episode befasse ich mich eingehend mit dem Thema der Mediationsstile, insbesondere der evaluativen Mediation. Ich lade die erfahrene Mediatorin und Richterin a.D. Frau Katrin Bühring-Uhle ein, die auf diesem Gebiet als langjährige Expertin gilt und eine Masterarbeit mit dem Titel „Man kann nicht nicht werten“ (2018) verfasst hat. Wir diskutieren die oft kontroversen Ansichten zur evaluativen Mediation, die in Deutschland eher eine Randerscheinung ist, während sie in der amerikanischen Literatur intensiv erörtert wird.

Frau Bühring-Uhle erzählt von ihrem Werdegang, der sie von der richterlichen Tätigkeit zur Mediatorin geführt hat. Ihre Erfahrungen an der Harvard University, wo sie von den Pionieren der Mediation, Professoren Fischer und Ury, ausgebildet wurde, prägen ihr Verständnis dessen, was eine erfolgreiche Mediation ausmacht. Sie steht vor der Herausforderung, in Deutschland das Konzept der Mediation bekannt zu machen, wo viel Überzeugungsarbeit geleistet werden musste, um die Praxis in Gerichtssysteme einzuführen.

Besonders spannend ist die Diskussion darüber, wie evaluative Elemente in die Mediation integriert werden und in welchen Situationen dies sinnvoll ist. Hier bringt Frau Bühring-Uhle ihre Überzeugung ein, dass ein rein fazitatives Vorgehen nicht immer die beste Lösung darstellt. Sie schildert, wie sie in ihrer Praxis beginnt, die Bedürfnisse der Parteien zu erfassen und erst dann rechtliche Informationen einfließen lässt, um ein informierteres Selbstverständnis der Beteiligten zu fördern. Dies führt zu einer Selbstbestimmung, die auf einer soliden Informationsbasis beruht.

Wir untersuchen die Herausforderungen, die mit der Einführung evaluativer Elemente verbunden sind, und beleuchten, wie diese den Mediationsprozess beeinflussen können. Frau Bühring-Buhle argumentiert, dass die Integration von rechtlichen und fachlichen Einschätzungen nicht nur legitim, sondern notwendig ist, um den Parteien den Kontext ihrer Entscheidungen klar zu machen. Sie teilt wertvolle Einblicke, wie sie mit rechtlichen Einschätzungen umgeht, ohne die Allparteilichkeit zu gefährden, und wie sie in dynamischen Mediationsverfahren auf die Bedürfnisse ihrer Klienten eingeht.

Ein zentraler Punkt der Diskussion ist die Frage, wie Mediatoren ihre Rolle als neutrale Prozessbegleiter wahrnehmen können, ohne dabei die Grenzen ihres Einflusses zu überschreiten. Frau Bühring-Uhle legt dar, dass unabhängige und transparente Kommunikation entscheidend ist, um das Vertrauen der Parteien zu gewinnen. Sie ist der Meinung, dass das Einbringen eigener Vorschläge oder Ratschläge in bestimmten Situationen nicht nur hilfreich ist, sondern den Mediationsprozess bereichern kann.

Abschließend reflektieren wir über die Zukunft der Mediation in Deutschland und die Notwendigkeit, die Dialoge über evaluative Praktiken zu fördern. Die Episode endet mit dem Aufruf, gemeinsam eine offene Diskussion innerhalb der Mediationsgemeinschaft zu führen, um Akzeptanz für verschiedene Stilrichtungen der Mediation zu schaffen und die Effektivität der Mediation als Instrument der Konfliktlösung zu verbessern.

Facilitative Mediation
Der Mediator strukturiert den Prozess und fördert die Kommunikation zwischen den Parteien, enthält sich jedoch inhaltlicher Bewertungen. Im Vordergrund steht die Selbstbestimmung der Medianten: Sie erarbeiten eigenständig Lösungen. Der Mediator fragt, spiegelt und paraphrasiert – er gibt keine Empfehlungen.
Transformative Mediation (nach Bush & Folger)
Ziel ist nicht primär die Einigung, sondern die Veränderung der Interaktionsqualität zwischen den Parteien. Der Mediator stärkt empowerment (Handlungsfähigkeit jeder Partei) und recognition (gegenseitige Anerkennung). Eine Einigung kann entstehen, ist aber nicht Maßstab des Erfolgs – die Transformation der Beziehung ist es.
Evaluative mediation
Der Mediator bringt aktiv seine fachliche Einschätzung ein: Er bewertet Rechtspositionen, benennt realistische Verhandlungsergebnisse und zeigt auf, welche Lösungen vor Gericht oder in einem anderen Verfahren wahrscheinlich wären. Dieses Modell ist inhaltlich direktiver und kommt oft in rechtlichen oder geschäftlichen Kontexten zum Einsatz.
  • Webseite Sebenius/Lax: https://www.negotiate.com/
  • Sebenius/Lax: 3-D Negotiation. Powerful Tools to Change the Game in Your Most Important Deals Gebundene Ausgabe, 2006.