Team-Metapher: Staffellauf
Teamarbeit neu denken: Warum der Staffellauf das bessere Bild ist
Wenn über Teams gesprochen wird, taucht häufig ein bestimmtes Bild auf: Eine Gruppe von Menschen, die gemeinsam durch schwieriges Gelände muss, aufeinander angewiesen ist und sich zwangsläufig am langsamsten Mitglied orientiert. Oder die Mannschaft sitzt im selben Boot. Dieses Bild wirkt intuitiv richtig – und ist doch in vielerlei Hinsicht irreführend.
Denn es legt nahe, dass Teamleistung vor allem eine Frage von Gleichschritt ist: gleiche Geschwindigkeit, gleiche Belastung, gleiche Beiträge, das sichert Gerechtigkeit. Keiner wird zurückgelassen. In der Praxis moderner Organisationen ist jedoch genau das selten der Fall. Arbeit ist arbeitsteilig organisiert, Anforderungen sind unterschiedlich, Kompetenzen verteilt.
Ein treffenderes Bild ist daher der Staffellauf.
Modified
OriginalDer Staffellauf als Modell für Zusammenarbeit
In einem Staffellauf geht es nicht darum, dass alle Läuferinnen und Läufer gleich schnell sind oder die gleiche Strecke zurücklegen. Im Gegenteil: Jede Person übernimmt eine klar definierte Etappe (=Aufgabe) – und idealerweise genau die, die zu ihren Fähigkeiten passt.
Das Entscheidende ist:
- Jede Etappe ist notwendig
- Jede Leistung ist unterschiedlich (Kompetenzen, Führung)
- Die Übergaben entscheiden über den Erfolg (Timing, Abstimmung)
Der Staffelstab steht dabei symbolisch für das, was im Team weitergegeben wird: Informationen, Verantwortung, Zwischenergebnisse, Entscheidungen.
Teamarbeit gelingt dann, wenn diese Übergaben funktionieren.
Beispiel 1: Soziale Einrichtung – Fallarbeit im Team
In einer sozialen Einrichtung (z. B. Jugendhilfe oder Beratung) arbeiten unterschiedliche Fachkräfte zusammen:
- Eine Person ist stark in der Beziehungsarbeit mit Klient*innen
- Eine andere hat ihre Stärke in der Dokumentation und Strukturierung von Fällen
- Eine dritte bringt besondere Kompetenz in der Crisis intervention
Wenn alle versuchen würden, alles gleich gut zu machen, würde Qualität verloren gehen. Stattdessen funktioniert das Team wie eine Staffel, was letztlich die Führung zu sichern hat:
- Die Beziehungsarbeit schafft Vertrauen
- Die strukturierte Dokumentation sichert Nachvollziehbarkeit
- Die Krisenintervention stabilisiert akute Situationen
Der „Staffelstab“ sind hier Informationen über den Fall. Wenn diese nicht sauber übergeben werden, entstehen Brüche: Missverständnisse, Doppelarbeit oder Fehlentscheidungen.
Beispiel 2: Projektarbeit in einer Organisation
Ein typisches Projektteam besteht oft aus:
- Konzeption (Analyse, Planung)
- Umsetzung (operative Durchführung)
- Kommunikation (Abstimmung, Präsentation)
Hier zeigt sich das Staffelprinzip besonders deutlich:
- Wenn die Konzeption unklar ist, startet die Umsetzung mit Unsicherheit
- Wenn die Umsetzung nicht sauber dokumentiert ist, kann Kommunikation nicht greifen
- Wenn Kommunikation fehlt, bleibt das Ergebnis wirkungslos
Das Problem liegt nicht nur darin, dass jemand „zu langsam“ ist. Ebenso scheitert Zusammenarbeit an unsauberen Übergaben, weil von allein Alle denken, die anderen ticken wie sie selbst.
Beispiel 3: Konflikte im Team – unterschiedliche Arbeitsverständnisse
Gerade in Teams mit hoher Professionalität entstehen Konflikte oft entlang unterschiedlicher fachlicher Haltungen:
- „Wir müssen Risiken minimieren und stabilisieren“ (z.B. Verständnis von Pflegeberufen)
- „Wir müssen Entwicklung ermöglichen und Verantwortung übertragen“ (z.B. Verständnis von Heilerziehungsberufen)
Im Bild des gemeinsamen Marsches wirkt das wie ein Widerspruch: Das Team scheint sich nicht auf eine Richtung einigen zu können.
Im Bild des Staffellaufs wird deutlich:
Beide Perspektiven können sinnvoll sein – aber zu unterschiedlichen Zeitpunkten und auf unterschiedlichen Etappen.
Der Konflikt entsteht dann nicht durch die Unterschiedlichkeit selbst, sondern durch fehlende Klärung:
- Wer übernimmt wann welche Etappe?
- Welche Logik gilt an welchem Punkt?
- Wie wird übergeben?
Warum das „gemeinsame Vorankommen“ ein problematisches Bild ist
Das klassische Bild der Gruppe im schwierigen Gelände erzeugt implizite Fragen:
- Wer hält auf?
- Wer zieht das Team runter?
- Wer trägt wie viel Last?
- Wer motiviert?
- Wer reißt das Ruder nochmal rum, die Gruppe mit sich etc.?
These Perspektive lenkt den Fokus auf Vergleich und Bewertung von Personen. Tatsache ist aber, das muss man nicht in der Führung forcieren, das geschieht zwischen den Mitgliedern von ganz allein und ist durch die Führung zu begleiten. Manchmal hilft das einem Team ja tatsächlich!
The Staffelbild verschiebt den Fokus:
- Wer hat welche Aufgabe?
- Was braucht es für eine gute Übergabe?
- Wie greifen die Beiträge ineinander?
Nicht Gleichheit, sondern Passung und Koordination werden zentral und der Prozess bedeutsam, statt Personen.
Werden, statt Sein.
Konsequenzen für die Praxis
Wenn Teams als „Staffel“ verstanden werden, ergeben sich andere Schwerpunkte für Führung und Zusammenarbeit:
1. Klärung von Rollen und Etappen
Wer ist wofür verantwortlich?
Wo beginnt und endet eine Aufgabe?
2. Qualität der Übergaben sichern
Was muss übergeben werden?
In welcher Form?
Mit welcher Verbindlichkeit?
3. Unterschiedlichkeit produktiv nutzen
Unterschiedliche Kompetenzen sind kein Störfaktor, sondern Voraussetzung für Qualität.
4. Verantwortung sichtbar machen
Jeder Beitrag zählt – nicht abstrakt, sondern konkret im eigenen Abschnitt der Zusammenarbeit.
Conclusion
Das mentale Bild eines Staffelteams ist besser als der Mannschaft in einem Boot, obschon es auch da verschiedene Aufgaben geben mag, die zuzuteilen sind.
Der Staffellauf macht sichtbar:
- Jede Etappe ist wichtig
- Jede Person trägt Verantwortung
- Der Erfolg entsteht im Zusammenspiel, ist die Konsequenz von Koordination.
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